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CHRISTOPH PETERS: „ENTZUG“
Er ist 39 Jahre alt und erfolgreicher Schriftsteller. Seit 24 Jahren war er quasi nie nüchtern und seit kurzem weckt ihn morgens um 5 Uhr schon das Zittern, gegen das nur Wodka hilft.
Seit einigen Monaten bricht ihm immer öfter die Kontrolle weg, so dass er sogar beim Schrieben den Faden verliert. Als ihm auch noch sein Verleger mitteilt, dass das jüngste Kapitel des neuen Romans nichts tauge, bekennt er vor seiner Frau: „Ich bin Alkoholiker. Ich muss einen Entzug machen.“
Und um den dreht sich das neue Werk von Christoph Peters, das den schlichten Titel „Entzug“ trägt. Ein weiterer Roman des Erfolgsautors? Nein, wie man schnell erkennt, sondern eine Art Autofiktion, denn mittendrin, als der Ich-Erzähler als Patient die eigene Lage schildern soll, schreibt er auf: „Ich heiße Christoph Peters und bin Alkoholiker.“
Tatsächlich ist dies seine wahre Geschichte, die er vor gut 20 Jahren durchlitt. Die kleine Tochter war zwei Jahre alt und der Roman, an dem er zu scehitern drohte, trug den Titel „Ein Zimmer im Haus des Krieges“. Teil 1 dieser Lebensbeichte erzählt den Weg bis zu Kapitulation, dem typischen Moment eines Alkoholikers, wenn nur noch das Totalversagen ansteht.
Es mag zynisch klingen, aber die Art, wie Peters seinen Ich-Erzähler all die konkreten Tricks und Strategien des notorischen Trinkers beschreibt, geschieht nüchtern bis lakonisch. Der Kampf um die nächste Flasche, der sporadische Essensekel, die Taktiken des Verbergens dessen, was immer offensichtlicher wird – seit dem 16. Lebensjahr kann er nicht schreiben, zeichnen, denken ohne zu trinken.
Als nichts mehr geht, beichtet er es seiner Frau und erlebt eine Reaktion, die für alles Folgende die wohl entscheidende Tatsache ist: „Sie steht nicht auf.“ Kaum auszudenken, wenn sie dieses physische und psychische Wrack jetzt verlassen hätte.
Natürlich überfällt ihn die schiere Panik bei dem Gedanken, künftig stocknüchtern schreiben zu sollen. Doch entgegen allen Selbstbelügungen geht er wirklich zum Arzt und erhält sogar durch eine glückliche Fügung sehr schnell einen Platz in der gar nicht noblen, für ihre erfolgreichen Behandlungen jedoch bekannten Klinik.
Wie hart am Rande des Abgrunds er sich bereits befand, zeigt das Pusten bei der Aufnahme am Vormittag um 11 Uhr: satte 2,3 Promille zeigt der Pegel an. In dem hässlichen „Krankenhausloch“ muss er sich das beengte Zimmer mit drei anderen Suchtkranken teilen.
Schonungslos schildert er die Torturen dieser zwei Wochen der medikamentös gesteuerten Entgiftung samt Gesprächstherapie. Und das ganze Elend des Säufertums wird nicht nur offenbar – der Gedanke an einen dauerhaften Entzug ist so fragil, denn die Erfolgsquote für eine dauerhafte Wirkung liegt bei mageren 10 Prozent.
Das alles liest sich intensiv und packend und hallt lange nach. Und gibt doch sehr zu denken, auch wenn man weiß, dass sich Christoph Peters in eine glückliche und erfolgreiche Zukunft retten konnte. Fazit: nicht nur der Entzug ist dem Autor voll gelungen, der große Bericht darüber ebenfalls.


# Christoph Peters: Entzug; 393 Seiten; Luchterhand Literaturverlag, München; € 24
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)