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FEDORA WESSELER (Hrsg.) „DER WANDERER UND SEIN KOFFER“
Thomas Hürlimann zählt zu den größten zeitgenössischen Schweizer Dramatikern, Romanciers und Essayisten. Zu seinem kürzlichen 75. Geburtstag hat nun die Münchner Dramaturgin und Übersetzerin Fedora Wesseler eine Anthologie um einen besonderen Schatz im Leben des Autors vorgelegt.
„Der Wanderer und sein Koffer“ lautet der Titel und die Herausgeberin eröffnet damit „Eine Reise durch das Werk von Thomas Hürlimann“, so der Untertitel. Und sie kennt den vielfach preisgekrönten Autor von verschiedenen Zusammenarbeiten wie unter anderen die französische Übersetzung seines Romans „Vierzig Rosen“.
Natürlich spielt der besagte schwere alte Koffer einen wichtige Rolle und er wird ausführlich vorgestellt. Er ist ein kostbares Erbstück mit seinen Schlössern und dem Innenfach. Es war Hürlimanns Urahn Sender Katz, der das gute stück Anfang des 19. Jahrhunderts für seine Habseligkeiten benutzte, als er aus dem bettelarmen habsburgischen Galizien in die Schweiz einwanderte.
Dazu gibt es einen Auszug aus Hürlimann großen autobiografisch gefärbten Roman „Der Rote Diamant“, in dem ihn der Gymnasiast für den Einzug ins Stiftskloster nutzte. Andere Wege des auch als „der Galizier“ oder „der jüdische Fluchtkoffer“ bezeichneten Erbstückes – das im Übrigen als Exponat im Berner Literaturmuseum steht – sind mal interessant zu lesen, mal aber auch vermutlich fantasievolle Schnurren.
Da gab es den Großvater, der als begnadeter Geschichtenerzähler erheblichen Anteil am reichen erzählerischen Schaffen des Autors gehabt haben dürfte. Der behauptete sogar, der Koffer habe den Untergang der „Titanic“ miterlebt. Erwiesen ist allerdings, dass der alte Herr 1912 auf der „Carpathia“ Passagier war, als dieses als erstes Schiff an der Unglücksstelle des Luxusdampfers war.
Texte, Romanauszüge, unveröffentlichte Fragmente sind nach biografischen Stationen geordnet und erstrecken sich über rund sechs Jahrzehnte. Immer wieder entfalten sie die ganze Magie der präzisen reichen Sprache Hürlimanns. Bsonders berühren auch die sehr persönlichen Texte wie über den geliebten und verehrten Vater Hans Hürlimann aber auch über den früh verstorbenen Bruder.
An vielen stellen werden Prägungen Hürlimanns deutlich und immer noch sind es auch solche, in denen der legendäre Koffer eine Rolle spielt. Wer das Werk Thomas Hürlimanns bereits zu schätzen weiß, wird in dieser Anthologie dennoch die ein oder andere Pretiose entdecken. Für alle Anderen kann man das Buch als wunderbaren Einstieg in die literarische Welt eines großen Autors bestens empfehlen.


# Fedora Wesseler (Hrsg.): Der Wanderer und sein Koffer. Eine Reise durch das Werk von Thomas Hürlimann; 527 Seiten, 12 Abb., Taschenbuch; S. Fischer Verlag, Frankfurt; € 18
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)