- Geschrieben von: Wolfgang A. Niemann
- Kategorie: Belletristik (Non-Fiction)
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FRIEDRICH ANI: „SCHLUPFWINKEL“
„Ein Fremder zeugt in der Fremde einen Einheimischen.“ Das Ergebnis war Friedrich Ani, der preisgekrönte Meister des anspruchsvollen Kriminalromans. Nun, da beide Eltern nicht mehr leben, hat der Bestsellerautor daraus einen ungewöhnlichen Erinnerungsband gemacht.
„Schlupfwinkel. Fantasien über eine fremde Heimat“ hat er ihn überschrieben. Mit beinah verständnislosen Worten beschreibt da das Kind als Ich-Erzähler eine Kindheit, bei der allenfalls die Großeltern ein gewissen Maß an Zuwendung vermitteln.
Die allerdings auch nicht fassen konnten, wie das möglich war: die folgenreiche Begegnung der 23-jährigen Tochter schlesischer Flüchtlinge – auch 1958 noch schwierig genug im bayerisch-katholischen Kochel – mit dem jungen Syrer, der sich nebenan im Goethe-Institut sprachlich auf sein Medizinstudium vorbereitete.
Da heißt es später in dem schmalen, aber atmosphärisch so dichten Band: „Ich kannte ihn kaum, den Syrer meiner Mutter, obwohl er fast 80 Jahre alt wurde.“ Trotz des Kindes unterblieben weitere Kontakte zwischen der spröden Mutter und dem scheuen Orientalen fast völlig und solche mit dem von ihm gezeugten Kind wurden noch strikter unterbunden.
Der Junge durchlebt eine abgeschottete Kindheit mit marginalen Zuwendungen, das allumfassende Schweigen jedoch, das eben auch Verschwiegenheit bedeutete, begleitet ihn dauerhaft. Und dann entsteht aus dem bisherigen Nicht-Verhältnis der Eltern doch noch etwas Erstaunliches: eine Ehe.
Doch so unfassbar es sich anhört: als der nun fertige Arzt die Zahnarzthelferin nach acht Jahren heiratet, ist der Ich-Erzähler nicht dabei. Ja, er ahnte nicht einmal etwas davon, was ihn noch heute verbittert. Wie so vieles weitere, allem voran aber die lebenslange Stummheit des Vaters ihm gegenüber.
Daran ändert sich auch nichts, als der zuweilen selbst in der Familie als „Kameltreiber“ bezeichnete Syrer sich sich im Ort niederlässt und zum angesehenen Landarzt wird. Kaum verwunderlich, dass der Ich-Erzähler kein sonderlich fröhliches Kerlchen wird und sich stattdessen schon früh in seine eigenen inneren Schlupfwinkel zurückzieht.
Dies vor allem im Lesen und Schreiben, wenn er dann den weiteren Lebensweg von Georg (übrigens der zweite Vorname Anis!) in der 3. Person schildert. Die Jugend ist kein Freudenfest und auch die weitere Entwicklung, die gescheiterten Beziehungen wie auch der Aufstieg zum Erfolgsautor sind geprägt von dieser an Schwermut grenzenden Melancholie, die ja auch sein literarisches Werk durchzieht.
„Bis heute kann ich mich nicht erinnern, während meiner Unmündigkeit jemals gelacht zu haben.“ Und dennoch liest sich dieses Memoir dank der wie immer kompakten und ohne großen Wortaufwand ausdrucksstarken Prosa mit oft brillanten Sätzen fesselnd und mit großem Genuss.
# Friedrich Ani: Schlupfwinkel. Fantasien über eine fremde Heimat; 128 Seiten; Suhrkamp Verlag, Berlin;
€ 18 WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)
