- Geschrieben von: Wolfgang A. Niemann
- Kategorie: Belletristik (Non-Fiction)
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GISÉLE PELICOT: „EINE HYMNE AN DAS LEBEN“
Gisèle Pelicot wird zu einer ungeahnten Heldin, als sie den ohnehin schier unfassbaren Fall der Verbrechen gegen sie nicht nur vollinhaltlich vor Gericht bringt . Sie entschließt sich nach einigem Zögern sogar zur demonstrativen schonungslosen Öffentlichkeit.
Dem weltweit verfolgten Sensationsprozess gegen ihren Ehemann Dominique und die 50 Männer, die sich unter seiner Anwerbung und Anleitung sexuell an der jeweils heimtückisch betäubten vergingen, lässt sie mutig und trotz allem unzerbrochen ihre Erinnerungen folgen.
Mit einem gewiussen Trotz nennt sie das unter Mithilfe der Journalistin Judith Perrignon verfasste Buch „Eine Hymne an das Leben“. Und zu ihrem ungebrochenen Lebenswillen gehört ein klares Motiv: nach all den wilden Versionen ihrer Geschichte in den Medien will sie die absolute Meinungshoheit über ihr Schicksal damit für sich einfordern.
Das sollte ihr mit diesen offenen aber gleichwohl im Rahmen des Zumutbaren sachlichen Ausführungen gelingen, denn eines sei hier unmissverständlich vorweg gesagt: Gisèle Pelicots Ausführungen sind absolut glaubwürdig, zutiefst menschlich und von berührender Aufrichtigkeit. Für die Leser allerdings eine teils schwer erträgliche Kost, die durchaus ein beklemmendes Kopfkino in Gang setzen kann.
Die Peilocts hatten ja bereits eine lange Ehe mit drei Kindern hinter sich, als Ehemann Dominique am 2. November 2020 verhaftet wird. Er hat im Supermarkt Frauen unter die Röcke gefilmt und war erwischt worden. Bei den Ermittlungen aber stieß die Polizei auf unzählige weitere Videos mit einer endlosen Reihe weit schwerwiegenderer Straftaten.
In monströser Weise zeigten die Dominique als eine Art Zeremonienmeister, der 50 Männer – so viel kamen später vor Gericht – seine bewusstlose Frau in der eigenen Wohnung vergewaltigen ließ und teils selbst Hand mit anlegte.
Bevor Gisèle Pelicot jedoch auf das Gerichtsverfahren selbst eingeht, versucht sie einen Rückblick auf die lange Ehe. Dominique hatte eine deprimierende Kindheit und Jugend mit einem – auch sexuell – gewalttätigen Vater gehabt. Sie selbst hatte früh ihre Mutter und dann mit 40 Jahren auch ihren liebevollen Vater verloren, der allerdings seit Jahren ungter der Knute der eiskalten Stiefmutter stand.
Die kluge junge Frau war erfolgreich als Angestellte des Energiekonzerns EDF, während Dominique sich im Immobiliengeschäft schwerer tat. Ihre Ehe war recht durchschnittlich mit drei Kindern und einem Sexleben, dass Dominique als deutlich zu konventionell empfand.
Ansonsten jedoch hatte nicht das Geringste aus ihrer Sicht auf perverse Straftaten im Hintergrund hingedeutet. Noch vor Beginn des großen Strafgerichtsverfahrens war denn auch die allseits gestellte Frage: wie konnte es sein, dass sie nichts gemerkt hat?
Hier kommt das ganze Ausmaß der kriminellen des Ehegatten zum Tragen, wie er sie jeweils betäubt, alles hergerichtet und sie hinterher gesäubert und auch sonstige Spuren beseitigt hatte. Und die Missbrauchte hatte ja wegen einiger gesundheitlicher Beschwerden verschiedene Ärzte aufgesucht, doch auch dort war nie ein Verdacht aufgekommen.
Schließlich der Prozess unter größtem medialen Interesse und – dem üblichen Prozedere. Nach dem ein Opfer von Sexualstraftaten Diskretion und Aussagen von Zeigen und Angeklagten unter Ausschluss der Öffentlichkeit selbstverständlich sind.
Dann jedoch die Sensation, als das Opfer all dies ablehnt und sogar die totale Öffentlichkeit verlangt. Die sie sogar erst noch durchsetzen muss. Es ist ein beklemmender Bericht, wie sie all die widerlichen Videos anschauen muss: „Mein Körper, Müllsack seiner schmutzigen Fantasien.“
„Die Scham muss die Seite wechseln“ - das ist ihr ebenso folgerichtiger wie heldenhafter Beschluss, der hier auch als Untertitel dieses Buches mit all all den 50 Angeklagten plus Drahtzieher Dominique eine klare Botschaft verkündet: „Bilder, die sich jetzt endlich gegen diese Männer kehren müssen.“
Man kann zwischen den Zeilen nur ahnen, wie schwer es für Gisèle Pelicot war, diese Monate vor Gericht durchzustehen. Mal mit den dreisten Verteidigern der Vergewaltiger, mal mit deren immer wieder jämmerlichen bis dreist daherkommenden Unschuldsbeteuerungen. Die bekanntlich nichts an den Verurteilungen aller Angeklagten etwas zu ändern vermochten.
Bei all dem fand sie Halt ausgerechnet durch einen Mann und eine späte Liebe und entsprechend würdigt sie diesen Jean-Lup auch mit ihrem Dank an ihn und das Leben. Fazit: Gisèle Pelicot erzählt die Wahrheit eines kaum vorstellbaren Verbrechens und sie tut es aufrichtig und ohne jede Effekthascherei.
# Gisèle Pelicot: Eine Hmyne an das Leben. Diue Scham muss die Seite wechseln (aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky), 255 Seiten; Piper Verlag, München; € 25 WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)
