
IAN LESLIE: „JOHN & PAUL. EINE MUSIKALISCHE LIEBESGESCHICHTE“
Die Beatles waren die größte und erfolgreichste Band der Musikgeschichte. Herauszuheben ist dabei jedoch, dass von den 184 Song, die das Quartett jemals herausgebracht hat, 159 als Autoren von Musik und Text „Lennon/McCartney“ aufweisen. Trotz vieler Biografien und Sachbüchern über die Beatles, ihre Mitglieder und ihre Karriere hat der renommierte englische Journalist Ian Leslie nun vermutlich das ultimative Kompendium über sie herausgebracht, auch wenn er sich auf das Duo Lennon/McCartney beschränkt.„John & Paul. Eine musikalische Liebesgeschichte“ lautet der Titel und Leslie stellt eingangs klar: „Dieses Buch handelt von zwei jungen Männern, die ihre Seelen miteinander verbanden und ihre Talente dadurch vervielfachten, um schließlich eines der großartigsten Gesamtwerke der Musikgeschichte zu schaffen.“Leslie hat auf dem neuesten Stand der Kenntnisse über die Beatles gearbeitet und dank neu veröffentlichter Aufnahmen und Filmmaterial sowie Demos und Gesprächsmitschnitten im Studio nicht nur einen frischen neuen Blick gewonnen. Und es sei vorweg gesagt, dass die Qualität seiner Analysen ganz maßgeblich von seiner Expertise in Psychologie unterfüttert ist.Eine Liebesgeschichte? Ja, das sei diese gemeinsame Zeit von 1957 bis 1980 im psychologischen Sinne ganz und gar. Geprägt von außergewöhnlicher Nähe, Leidenschaft, Zärtlichkeit bis hin zu Eifersucht. Eine innige Liebe, die jedoch nichts mit Sexualität zu tun hatte. Aber sehr viel mit ihren Gefühlen, das aber mit einer Spezialität: „Wenn sie nicht aussprechen konnten, was sie empfanden, sangen sie es.“ Und dabei gab es bemerkenswerterweise von Anfang an die Vereinbarung, dass sie alle Urheberrechte als „Lennon-McCartney“ teilen ohne Arbeitsteilung in Text und Musik.Schon beim Kennenlernen im Sommer 1957 trugen sie an Familientragödien, die ihre Seelenleben zutiefst prägten. Paul hatte im Jahr zuvor mit eben 14 Jahren seine Mutter plötzlich durch Brustkrebs verloren und John lebte bei der strengen kühlen Tante Mimi, weil seine schöne Mutter ein unstetes Leben führte. Ihm war inwzischen eine heimliche Annäherung gelungen, da wurde sie ihm im Sommer 1958 durch einen Autounfall entrissen. Autor Leslie durchleuchtet die Kindheit und Jugend von John und Paul gründlich und legt die tiefe Verletzlichkeit und insbesondere die Verlustängste bei beiden offen.Die sich fortan so intensiv im Songwriting durchschlugen: „Die Songs handelten nicht von ihren Gefühlen – sie waren ihre Gefühle.“ Die Schlüsse, die Ian Leslie daraus zieht, beruhen auf der ergiebigsten Primärquelle überhaupt, eben diesen Stücken, die das Duo von Beginn an und besonders nach dem Start der Schallplattenkarriere ab 1962 – sie wurden entgegen der üblichen Praxis gebucht, gerade weil sie ihre eigenen Songs mitbrachten – wie in einem endlosen Rausch.Der Autor durchbricht dabei die verfestigten Klischees von John als dem sarkastischen intellektuellen Rebellen und Paul als Softie mit den großen Augen und zuständig fürs Romantische. So groß die Unterschiede der Beiden auch waren, diese Bilder täuschen, wie Leslie auch bei den Songanalysen eindeutig aufdeckt. Fest steht, dass es keinen John ohne Paul gab und umgekehrt. Wobei die großen Unterschiede ihrer Persönlichkeiten die kreative Chemie besonders beflügelte. Und auch wissenschaftlich ist ihr hohes Niveau des Songschreibens längst anerkannt einschließlich einer Spezialität: „Sie denken gleichzeitig an Harmonie und Melodie.“Welch grandiose Kaninchen sie so unaufhörlich aus dem Hut zauberten, beschreiben dazu Analysen von 43 Songs, zu denen jeweils auch die Einbettung in die Entstehungszeit und das Miteinander der Beiden erfolgt. Das offenbart manche Überraschung über die wahre Bedeutung und die Inspiration zu den Songs. Es sind faszinierende Details schon zum ersten großen Hit „Please please me“ über „Help!“ bis zu Pauls Ausreißer „Yesterday“. Der in seiner genialen Schlichtheit für eine gewisse Machtverschiebung zwischen John als Führungsfigur beim Texten und Paul bis hin zu einer emotionalen Bruchlinie führte.Und die Songs wuchsen weit über das bis dahin übliche Popmusik-Niveau hinaus, wenn Lennon/McCartney in der Lage waren, bei „We can work it out“ ihrer beider philosophische Dialektik in einen dreiminütigen Popsong ineinanderfließen zu lassen. Zugleich wandelt sich in der Bandgeschichte Wichtiges: seit 1965 lebte nur noch Paul in London, die anderen drei Beatles aber mit Familie außerhalb. Und im Sommer 1966 gaben sie das Touren auf. Was die ständige geradezu intime und kreativitätsfördernde Nähe zwischen John und Paul deutlich verringerte.Gleichwohl erschien nun vom 23-jährigen Paul ein solch erwachsenes Meisterwerk wie „Eleanor Rigby“ (1966). Mit dem dieser das stets so unterschätzte Talent als Texter derartig eindrücklich unter Beweis stellte, dass John eifersüchtig darauf war. Um allerdings bald darauf als besonders persönliches Gegenstück das avantgardistische „Strawberry Fields forever“ herauszubringen, das 1967 ein Single-Hit wurde. Leslie bezeichnet beide Songs als die jeweils absolut typischsten Stücke für John und Paul.Dann jedoch die deutliche Zäsur im Jahr 1968: Paul tut sich auf Dauer mit Linda Eastman zusammen, bei John aber taucht die japanische Künstlerin Yoko Ono auf und die bringt er sogar zu den Aufnahmen des „White Album“ mit ins Studio. Mit ungeheurer Wirkung nicht nur für das Quartett an sich. Wie ein Paartherapeut analysiert Ian Leslie dieses Eindringen einer dritten gleichrangigen Person in das innige Paarverhältnis von John und Paul als sogenannte Triangulierung. Mit Folgen, die hinlänglich bekannt sind.Die letzten gemeinsamen Arbeiten des Duos wie auch die nach dem Bruch sind noch einmal höchst aufschlussreich und offenbaren manche Verbitterung insbesondere beim innerlich unsicheren und eifersüchtigen John. Das alles fesselt bis zuletzt, selbst wenn man kein großer Beatles-Fan ist, mit faszinierenden Schilderungen, die manches in einer neues Licht stellen. Insbesondere so manchen bestens bekannten Ohrwurm, entstanden in einer einzigartigen komplexen Kombination von inniger Freundschaft, Verschiedenheit, Spannungsverhältnis und Genie.
# Ian Leslie: John & Paul. Eine musikalische Liebesgeschichte (aus dem Englischen von Conny Lösch); 541 Seiten, div. Abb.; Heyne Verlag, München; € 28WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)