0085launinger

LAUINGER/WAGNER (Hrsg.): „I HAVE A DREAM“
Am 28. August 1963 hielt Martin Luther King vor dem Lincoln Memorial in Washington eine der berühmtesten Reden aller Zeiten. Mit der Eröffungszeile „I have da Dream“ ging sie in die Geschichtsbücher ein.
Mit ihr gab der schwarze Prediger und spätere Friedensnobelpreisträger der Hoffnung Ausdruck, dass dieses Land eines Tages seinem Gründungsbekenntnis folgen werde: „We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal.“ In diesem Jahr feiert diese Nation der United States of America ihren 250. Geburtstag und man muss sich mit Sorge fragen, ob sie noch auf dem einst angestrebten guten Weg ist.
Als Erinnerung an den Gründungsmythos der USA haben der Manesse-Verlagschef Horst Lauinger und der Amerikanist Stefan Wagner eine große Anthologie herausgegeben und sie hätte wohl keinen tiefsinnigeren Titel als dieses „I have a Dream“.
Die Amerika-Kenner nehmen mit auf einen eindrucksvollen Road-Trip voller Geschichten, Gedichten, Songtexten, Essays, Reden, Briefen und Reportagen. Und natürlich beginnt diese Reise durch 250 oft wilde Jahre mit der Gründung dieser Nation durch die Unabhängigkeitserklärung der 13 Gründerstaaten am 4. Juli 1776.
Schon bei den Texten dazu klingelt es wiederholt, wenn unter anderem das politische Gebaren des britischen Königs George III. heftig kritisiert wird, das schließlich zur Revolution der Neuenglandstaaten führte. Dieses Verhalten von Unterdrückung und Ausbeutung ihrer Bürger weckt unweigerlich Erinnerungen an die aktuellen Proteste unter dem Motto „No Kings!“
Zugleich durchzieht ein Grundübel den Reigen der Texte, wenn sie auf die hehren Grundsätze der Unabhängigkeitserklärung und der 1787 in kraft getretenen Verfassung zu sprechen kommen: Verheißung und Wirklichkeit der unveränderlichen Grundrechte für jeden Amerikaner.
Aber offensichtlich nur für „jeder-mann“, denn die Gründerväter waren absolute Patriarchen. Und da fragt dann Alice Duer Miller in einem satirisch-feministischen Statement schon vor hundert Jahren: „Sind Frauen Menschen?“ Zumindest mit den gleichen Rechten ist es lange so schwach bestellt, dass sie erst ab 1919 wenigstens das allgemeine Wahlrecht erhalten.
Ungleich gravierender aber zieht sich der Rassismus durch die Geschichte der USA, der gegen die Ureinwohner ähnlich wie der gegen die aus Afrika eingeschleppten Sklaven. Da liest man die berühmte Rede von Tecumseh, Häuptlings der Shawnee, von 1810 zum Souveränitätsanspruch der Indigenen gegenüber Gouverneur Harrison.
„Die Weißen habe kein Recht, den Indianern das Land wegzunehmen, denn weil sie es zuerst besaßen, gehört es ihnen“, lautete Tecumsehs Grundsatz. Was folgte, waren die schändlichen Zwangsumsiedlungen ganzer Stämme und die Vernichtungsfeldzüge der Neubürger.
Noch früher allerdings setzt das in vielerlei Beziehungen bis heute virulente Grundübel der verkündeten aber vorenthaltenen Gleichheit aller Menschen in Form der Sklaverei ein. Hatten Frauen schon kaum Rechte, wurden die Schwarzen nicht mal als vollwertige Menschen angesehen.
Das geißelt hier die Rede von Frederick Douglass, dem einflussreichsten Afroamerikaners des 19. Jahrhunderts im Jahr 1852: „Was bedeutet der 4. Juli für die Sklaven?“ Die Bekenntnisse der Gründerväter zu Freiheit und Gleichheit seinen nichts als Hohn und Spott.
Zu diesem Zeitpunkt waren über drei Millionen der 23 Millionen Einwohner der USA Sklaven und die wurden unwürdig bis grausam behandelt. Und zum Anspruch der Gründerväter steht denn auch eine schlichte Fußnote im krassen Gegensatz: Thomas Jefferson als einer der Autoren der Unabhängigkeitserklärung verurteilte die Sklaverei, besaß jedoch selbst Sklaven und hielt sich eine schwarze Mätresse.
Dazu passt dann auch aus jenem Jahr 1963, in dem Martin Luther King seine legendäre Hoffungsrede hielt, James Baldwins bitterer Essay: „Mein Kerker bebte. Brief an meinen Neffen zum hundertsten Jahrestag der Sklavenbefreiung.“
Und noch ein sehr aktueller Bezug dann in einem ganz frühen Text von James Fennimore Cooper, der in „Über die Freiheit“ von der im britischen Mutterland seit langem geltenden Habeas-Corpus-Akte zum Schutz vor rechtlicher Willkür schreibt – offenbar ein Fremdwort für Trumps ICE-Berserkertruppen.
Doch dieses Buch ist trotz vieler solcher Schilderungen von Missständen, die dem glorreichen Bild der Weltmacht USA dunkle Schatten versetzen, eine Hommage an ein großes Land mit einzigartigen Errungenschaften. Das zeigen allein schon die vielen Kurzgeschichten und Exte unvergessener Autoren vom Großgedicht eines Walt Whitman über Jack Londons Schilderungen aus der Goldgräberzeit bis hin zu John Steinbecks neckischer Abhandlung zu „Bubblegum“, einer uramerikanischen Erfindung.
Die Reihe großer Literaten ist überwältigend und da werden die Werkauszüge von Mark Twain, William Faulkner und Eugene O'Neill dann lässig überboten von Literatur-Nobelpreisträgern wie Sinclair Lewis, Ernest Hemingwa und Bob Dylan.
Und es findet sich neben etwas so durch und durch Amerikanischem wie Charles Badger Clarks „A Cowboy's Prayer“ mit „Brodwej Ownt“ sogar ein jiddisches Gedicht von Ana Margolin. Außerdem finden sich etliche Songtexte in der ungeheuer vielfältigen Anthologie wie „Summertime“ aus George Gershwins Volksoper „Porgy & Bess“ als einem Juwel amerikanischen Liedguts.
Unter allerlei Anekdoten erscheint auch das ein oder andere Absurde wie Ambrose Bierces „Ein amerikanisches ABC“ mit sarkastischen bis schwarzhumorigen Sottisen. Und bevor der gewaltige Reigen schließlich mit teils skurrilen letzten Worten endet, steuert Jonathan Franzen noch sein nachdenkliches „Essay vom Albtraum am 13. September 2001“ bei.
Fazit: was für ein faszinierender Roadtrip durch 250 Jahre Geschichte der USA, ohne Glorifizierung aber gealtig. Wie auch die Timeline im Anhang dieses großen kritischen Geburtstagsgeschenks an eine Nation, die sich im Jubiläumsjahr aus eigenem Verschulden in gefahrvollen Gewässern befindet.


# Horst Lauinger/Stefan Wagner: I have a Dream: 250 Jahre Vereinigte Staaten von Amerika; 958 Seiten; Manesse Verlag, München; € 40
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)