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PETER WAWERZINEK: „ROM SEHEN UND NICHT STERBEN“
„Beherberge neuerdings einen Mörder in mir. Hat sich feige in meinem Magen eingenistet. Frisst von meinem Fleisch, trinkt von meinem Blut.“ Das drückt nicht Angst aus sondern schiere Empörung über diesen Hausfriedensbruch in seinem Körper.
Mit diesen harschen Worten entgegen Erfolgsautor Peter Wawerzinek der Diagnose Krebs in einem Roman, der wie schon die großartigen Vorgänger über eine Kindheit, Jugend und überhaupt ein vom Schicksal immer wieder zerpflücktes Leben bewusst ganz autobiografisch ist.
Und dass er den erneuten Kampf in seiner an Schlaglöchern reichen Vita gewonnen hat, sagt schon der Titel „Rom sehen und nicht sterben“. In der Ewigen Stadt startet auch das, was das 1954 in Rostock geborene Multitalent in der Form eines langen Briefes an eine sehr vertraute Person schreibt.
Wie im echten Leben dem leibhaftigen Peter Wawerzinek 2018 passiert, hat hier den Erzähler die besondere Ehre eines Stipendiums in der römischen Villa Massimo ereilt. So startet er nun seine Ansprachen mit einer grandiosen Beschreibung einer ganz besonderen Flugschau: die der allabendlichen Starenschwärme am Tiber.
Dieser rauen und äußerst expressiven Poesie bleibt er auch im Folgenden treu und einmal im Schreiben ein ebensolcher mitreißender Sprachberserker im besten Sinne des Wortes, wie bei seinen verbalen Auftritten auf der Bühne. Der späte Stipendiat des deutschen Kulturzentrum ist erst einmal gar nicht sonderlich angetan von Rom. Was sich prompt auch literarisch niederschlägt, denn es will ihm nichts in die Feder fließen. Offenbar braucht er, der sich stets so vieles erkämpfen musste, ein gewisses Maß an Drangsal, um kreativ werden zu können.
Da zwingt ihn die in Italien besonders heftig ausbrechende Corona-Pandemie in die Isolation und tatsächlich gelingt das Schreiben wieder. Doch es gibt Anzeichen von Unwohlsein und dann passiert ihm ein Desaster wie ein Menetekel für noch Schlimmeres.
Durch ein selbst verschuldetes Missgeschick eliminiert er den soeben verfassten Roman vom Computer. Und der Körper meldet sich so fies, dass er sich seinem Hausarzt daheim anvertraut. Die niederschmetternde Diagnose lautet schlicht Krebs.
Auch einen so widerborstigen Kämpfer wie diesen haut das zwar zunächst erst einmal um. Aber er lässt sich so etwas einfach nicht bieten, ja, er weigert sich sogar, das gemeine Ding beim Namen zu nennen, spricht ihm seine Allmacht ab und nennt es trotzig „Krätz“.
Da werden die Chemotherapien zu „Vences“, frei nach Che Guevaras Kampfruf „Venceremos“. Schon so manches Übel bis hin zu lebensgefährlichen Unfällen hat er von Kindheit an überstanden und – nun gefälligst auch dieses heimtückische Biest.
Und wie der Ich-Erzähler – der das Ich im Übrigen geradezu offensiv sparsam gebraucht – sich ins Leben zurückkämpft und dabei sogar noch die große Liebe findet, das bleibt bis zuletzt ein packendes Stück Literatur im bildhaften Stakkato und – ein wahrhaftiges Mutmachbuch.
Dazu seien die Abschlusssätze von schlichter Schönheit zitiert: „Es ist vorerst alles überstanden. Ich setze mich an meinen Schreibtisch, beginne, den Roman zu schreiben. Rom sehen – und nicht sterben. Ein Lächeln befällt mich.“


# Peter Wawerzinek: Rom sehen und nicht sterben; 224 Seiten; Penguin Verlag, München; € 24
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)