- Geschrieben von: Wolfgang A. Niemann
- Kategorie: Belletristik (Roman/Krimi)
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ALENA SCHRÖDER: „MEIN GANZES LEBEN, ÖL AUF LEINWAND, OHNE TITEL“
Nun hat Alena Schröder ihre große Trilogie um Evelyn und Hannah Borowski und ihre Familie abgeschlossen. „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ lautet diesmal der Titel und der bezieht sich auf ein kleines Gemälde, das zuvor schon erwähnt wurde.
Kennengelernt hatte man Großmutter Evelyn bereits in „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, glaubes Kleid“, in dem Hannah als Baby noch in einer kleinen Nebenrolle dabei war. Ihre Mutter Silvia spielte hier eine wichtige Rolle, verstarb dann jedoch an Krebs.
Im Folgeroman „Bei euch ist es immer so unheimlich still“ stand vor allem sie im Mittelpunkt, sie, die sich von ihrer Mutter, der agilen Ärztin, wenig geliebt und verstanden fühlte. Im neuen Roman – wie die Vorgänger durchaus auch für sich allein stehend lesbar – tritt die inzwischen im Ruhestand befindliche Ärztin in Prolog und Epilog im Jahr 1989 auf. Als Aushilfe im Notaufnahmelager Marienfelde begegnet sie hier Marlen Engels, geboren im ostdeutschen Demmin.
Nun springt das Geschehen ins Jahr 1945, auf den 2. Mai. Es ist Marlens 14. Geburtstag, überall herrscht Angst vor den noch kämpfenden und wild wütenden Russen, und das dürre Waisenkind wird in einem leerstehenden Haus in einer Kommodenschublade versteckt.
Sie findet dann Aufnahme bei der knurrigen Malerin Wilma Engels, deren Ehemann Jon, ein bereits berühmter Maler, der in Russland vermisst wird. Mit Wilma und der alten Burgel, einst Jons Kinderfrau, wächst sie allmählich zur Familie zusammen und schließlich wird sie sogar von Wilma nicht nur adoptiert sondern auch im Malen unterrichtet.
In der zweiten Erzählebene treffen wir in Berlin auf Hannah im Jahr 2023, wo sie mit Freundin Rubi in ihrer geerbten Wohnung eine WG bildet. Großmutter Evelyn ist inzwischen ebenso verstorben wie ihre Mutter Silvia und Hannah ist mit ihren 34 Jahren allein auf der Welt, kommt jedoch ganz gut zurecht.
Jetzt aber ist sie arg bekümmert, denn Rubi will ausziehen und hat zwei unüberwindliche Gründe dafür: Freund Max und das Kind, das sie von ihm erwartet. Um so fassungsloser reagiert sie dann über den Kontaktversuch ihres Vaters. Seit ihrem 18. Geburtstag, damals als gerade ihre Mutter an Krebs starb, hatte er nichts mehr von sich hören lassen.
Auf der anderen Zeitebene wächst Marlen Engels in der aufstrebenden DDR heran. Mit den Jahren allerdings neigt Adoptivmutter Wilma zu einer immer größeren Umklammerung in einer Gesellschaft, die ohnehin so vielen Einengungen durch das System unterliegt.
In der Gegenwart hat Hannah gleich mit zwei Umständen zu kämpfen, an die sie sich nur schwer gewöhnen kann. Da nervt einerseits nicht nur Justus, der nassforsche Neffe einer Kollegin, den sie als Ersatz für Rubi in ihre WG aufgenommen hat. Viel schwieriger gestaltet sich die eher einseitige Wiederannäherung mit Vater Martin und seinem Mittelstandsgehabe.
Erneut hat Alena Schröder hier eine schnörkellose aber warmherzige Sprache eingesetzt, die allerdings für Hannahs Passagen den ein oder anderen flippigen Ansatz hat. Gelungen sind auch hier die sehr glaubhaften Protagonisten. Fazit: insgesamt überzeugt dieser Roman, wenngleich die Geschichte um Marlen Engels und ihre Aufwachsen in Güstrow deutlich mehr Substanz aufweist.
# Alena Schröder: Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel; 328 Seiten; dtv Verlag, München; € 23
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)
