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ALEXANDRA HARTH: „ALS ICH IN TOBENDEN ZEITEN SCHLIEF“
Es war ein Glücksfall, dass Netty Radvanyi Anfang 1941 von Marseille aus ins mexikanische Exil entkommen konnte. Die Gestapo hatte im besetzten Frankreich unter ihrem Künstlernamen Anna Seghers nach der jüdischen Kommunistin gefahndet. Die Odyssee der Flucht endete in Mexiko-Stadt, wo die bereits erfolgreiche Schriftstellerin inmitten der sehr lebendigen Exilantenszene den antifaschistischen Heinrich-Heine-Club gegründet hatte. Ihr Ehemann war wegen seiner Anstellung als Dozent abwesend und sie litt unter dem Exil: „Anna fühlte sich wie ein fremder Splitter im mexikanischen Fleisch.“So drückt es Alexandra Harth in ihrem Debütroman „Als ich in tobenden Zeiten schlief“ aus. Und darin widmet sie sich dem fatalen Unfall vom 24. Juni 1943, der die 42-jährige Schriftstellerin auf Monate ins Koma warf. Es war einer dieser Tage mit sturzflutartigen Regenfällen und Annas Augen waren ohnehin schlecht. Seit der Flucht hatte sie sich Sorgen und Vorwürfe wegen ihrer Mutter gemacht, die in Mainz verblieben war und nun in größter Gefahr durch die Nazis schwebte. In einem Moment der Verwirrung vermeinte Anna nun, die stimme ihrer Mutter von der anderen Straßenseite rufen zu hören. Nur mit Glück überlebte sie den Zusammenprall mit einem Auto.Von dem sie sich allerdings nur sehr langsam und begleitet von komatösen Träumen erholte. Da erschienen ihr einerseits Exilanten-Freunde, andererseits aber auch ihr Ehemann und die beiden Kinder und immer wieder auch ihre Romanfiguren.Mühsam kämpft sie sich ins Leben zurück und immer wieder erfährt man von ihren Sorgen, Ängsten und Freundschaften. Eine stete Qual bleibt die Ungewissheit um die Mutter, von der sie erst nach dem Krieg erfährt, dass sie bereits 1943 in Polen in einem Lager umkam.Andererseits macht sie ihr 1942 erschienener Roman „Das siebte Kreuz“ als Buch und dann auch durch den Film von Fred Zinnemann noch während ihrer langen Genesungszeit weltberühmt. Das Geschehen im Roman zieht sich schließlich bis in die Zeit nach dem Kriegsende, wo für sie die Heimkehr ins Nachkriegs-Deutschland schon wegen der Sprache selbstverständlich ist. Am Ende steht die Abfahrt aus Mexiko im Herbst 1946 mit einem schwedischen Schiff und auch diese Schilderung folgt sehr weitgehend den tatsächlichen historischen Abläufen, wie Alexandra Harth in einem erhellenden Nachwort darlegt. Geschrieben ist das alles sehr atmosphärisch und berührend in feiner, im besten Sinne altmodischer Prosa.Dieser eigenwillige, aber von hoher Schönheit und Klasse geprägte Roman lebt insbesondere auch von seinem akribisch recherchierten Zeit- und Lokalkolorit und bringt einem die Persönlichkeit der legendären Anna Seghers auf besondere Weise näher.

# Alexandra Harth: Als ich in tobenden Zeiten schlief; 224 Seiten; Braumüller Verlag, Wien; € 24WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)