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ANDREAS SCHÄFER: „LETZTER AKT“
Dora Martin ist bereits seit Jahren ein Film- und Bühnenstar, nun erlebt sie stehende Ovationen bei der Ibsen-Premiere. Um so mehr fasziniert die 40-Jährige beim anschließenden Essen mit der Theatertruppe dieser eine fremde, der anscheinend noch nie von ihr gehört hat.
Noch am selben Abend werden sie und dieser schottische Maler ein Paar. Und sie genießt das unbehelligte Liebesnest in dem alten restaurierten Haus in einem heruntergekommenen Viertel, wo dieser Victor Hastings in einem urigen Wohnatelier wohnt. Für Dora von nun an ein willkommenes Refugium.
Und der Beginn einer klassischen, womöglich gar banalen Liebesgeschichte zwischen Star und Unbekanntem? Nicht bei Andreas Schäfer, der schon mit seinem vorherigen Romanen viel psychologisches Gespür und einen Sinn für außergewöhnliche Figuren bewiesen hat. So auch hier unter dem Titel „Letzter Akt“ mit dieser Dora Martin aus Frankfurt, die sich nach dem Abitur absetzte und seit 20 Jahren in London lebt, inzwischen in einer eigenen Villa.
Dora genießt die diskreten Besuche bei Victor nicht nur wegen der intensiven Harmonie zwischen sich und dem noch kaum bekannten Maler. Die Einblicke ins Theatertreiben zeigen die nervige Agentin, die Dora jetzt auch zu Mütterrollen drängen will, oder den missgünstigen Kollegen, der sie mit anzüglichen Sprüchen und Übergriffen ärgert.
Mit eleganter Prosa entfaltet sich die Zweisamkeit zwischen Schauspielerin und Maler. Wobei sich Dora zwischendurch immer wieder der Anrufe ihrer Mutter erwehren muss, die verbittert über den mangelnden Zugriff auf die Tochter ist.
Doch es taucht ein ganz anderes Problem auf, denn man schreibt das Jahr 2005 und das Boulevardinteresse am Privatleben von Stars kennt keine Hemmungen. Um so mehr, wenn ein glanzvoller Star wie Dora sich mit einem unbekannten Künstler an unbekanntem Ort vergnügt.
Sie hat Angst vor den Folgen einer Entdeckung für ihre Beziehung, er versichert ihr jedoch: „Ich will mit dir zusammen sein, nicht von dir profitieren.“ Und dann gehen sie bewusst in die Offensive und lassen Fotografen ihre Bilder schießen. Dennoch tauchen auch Fotos in den Medien auf, die so nicht sein sollten.
In der ganzen Zeit hat Victor vorenthalten, nun aber wünscht sich Dora sogar, von ihm gemalt zu werden. Und Victor gelingt es offenbar, so entlarvend hinter die Fassade der schönen Frau zu schauen, dass das Gemälde Dora entsetzt reagieren lässt.
Es reißt Erinnerungen an die Vergangenheit auf und das so überwältigend, dass sie es heftig „bearbeitet“. Victor allerdings belässt es so und tut damit genau das Richtige. Für Dora aber ist das Ganze so explosiv, dass sie am Abend auf der Bühne einen Zusammenbruch hat.
Während sie auf Wochen in einer psychiatrischen Klinik verschwindet, sorgt Victors nächste Ausstellung gerade auch wegen des besonderen Porträts für einen gewaltigen Karriereschub. Dieser Teil des Romans endet mit einem großartigen Einschub in Form einer hochkarätigen Kunstrezension, ebenso präzise wie sensibel.
Nun springt das Geschehen ins Jahr 1982, wo Dorothea Martin in einer Schulaufführung als Cordelia in „König Lear“ einen Triumph erlebt und erstmals an eine Schauspielkarriere denkt. Gravierend ist dabei allerdings auch die kurze aber intensive Freundschaft mit der Fabrikantentochter Vera. Wo sich Dorothea für ihre kaputte Familie in ärmlichen Verhältnissen schämt, leidet Vera unter viel Verunsicherung und ihrer tablettensüchtigen Mutter.
Es ist eine enge aber ungleiche Beziehung, denn Vera braucht die andere viel mehr als umgekehrt. Und sie klammert noch mehr als deren Mutter. Als Dorothea den Kontakt zu Vera in ihrer Bedrängnis hart und komplett abbricht, hat dieser Verrat schlimme Folgen und wird sie lebenslang begleiten.
In einem kurzen dritten Teil gibt es ein Wiedersehen von Dora und Victor und so vieles hat sich mit großem psychologischen Feingefühl herausgeschält. Und was so scheinbar vorhersehbar begann, hat sich auf hohen Niveau zu einem fesselnden Roman entwickelt.


# Andreas Schäfer: Letzter Akt; 205 Seiten; DuMont Verlag, Köln; € 24
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)