
ANDREW O'HAGAN: „MAIFLIEGEN“
Sommer 1986, auch die kleine Bergbaustadt Irvine im südwestlichen Schottland leidet unter den Folgen der radikalen neoliberalen Politik der britischen Regierung: „Thatcher und ihre Bande hatten die Stadt heimgesucht wie die biblischen Plagen.“ Hier leben auch James Collins, soeben 18 Jahre alt geworden und allgemein Noodles genannt, sowie sein gänzlich anders gearteter Freund Tully Dawson, zwei Jahre älter und schlecht bezahlter Arbeiter. Sie sind die Hauptpersonen in Andrew O'Hagans Roman „Maifliegen“.Der preisgekrönte schottische Erfolgsautor lässt Noodles selbst erzählen und er macht kein Geheimnis daraus, dass diese Geschichte einer großen Freundschaft autobiografische Züge aufweist. Und diese Freunde sind sehr verschieden und selbst auf ihre Familien trifft das weitgehend zu. Noodles ist eine eher schüchterne Leseratte mit unglaublich gleichgültigen Eltern. Als die sich auch noch trennen, trennt er sich gewissermaßen seinerseits auch von ihnen. Die einzige Erwachsene, die ihm echtes Interesse entgegenbringt, ist seine Englisch-Lehrerin Mrs O'Connor. Sie bestärkt ihn darin, unbedingt ein Studium anzustreben, denn er müsse raus aus diesem grauen Kleinstadtmief: „Du bist ein Spinner und Spinner müssen raus ins Freie.“ Um so wichtiger wird die Familie des charismatischen Tully für ihn.Mutter Barbara ist sehr herzlich, der Vater aber ein arbeitsloser, lethargischer Typ und die Jungs sind sich einig: sie wollen niemals werden wiie ihre Väter. Was die Beiden insbesondere verbindet ist im Übrigen ihre Leidenschaft für Musik und Film. Die so weit geht, dass sie in vielen der herzhaft frechen und oft sarkastischen Dialogen Filmzitate und Songzeilen einflechten. Das Größte jedoch wird schließlich das legendäre Superkonzert ihrer heiß verehrten Helden des Post-Punks in Manchester. Sie erleben „New Order“, „The Smiths“ und andere nicht nur in einer magischen Nacht, sie begegnen einigen der Stars sogar persönlich.Mit viel trockenem Humor schwelgt der Roman hier von dieser Wallfahrt zum unvergsslichen Höhepunkt ihrer Jugend. Von der Noodles in einem funkelnden Bonmot festhält: „Jungsein ist eine Art Krieg, und der große Gegner ist die Erfahrung.“ Dann aber der harte Schwenk zu Teil 2 des Romans, der im Jahr 2017 spielt. Noodles ist ein arrivierter Schriftsteller geworden und mit Iona verheiratet, mit der er in London lebt. Auch Tully hat den Ausbruch geschafft und arbeitet jetzt als Lehrer. Und hat jetzt, mit eben Anfang 50, die niederschmetternde Diagnose Speiseröhrenkrebs im Spätstadium bekommen.Als wären die Freunde nie getrennt gewesen, ist es der Ich-Erzähler, den Tully als Erstes informiert, dass er nur noch einige Monate zu leben habe. Da hilft ihm auch kein noch so gut gemeintes Mutmachen: „Zurückschauen ist alles, was mir noch bleibt.“ Tully heiratet trotz allem Freundin Anna mit großem Fest, doch es verbittert diese, als „die Jungs aus den 80ern“ unter sich etwas Gravierendes ausmachen: der immer so selbstbewusste Tully will bis zum Ende selbstbestimmt bleiben und leitet Entsprechendes ein.Vor dem letzten Schritt, auf dessen Weg Noodles ihn in tiefer Freundschaft begleitet, feiern die beiden mit ihren Frauen noch ein letztes Fest mit einem luxuriösen Urlaub in Taomrina. Doch so ernst der zweite Teil der Geschichte und insbesondere dessen Ende auch ist, er berührt zutiefst ohne je rührselig zu werden. Fazit: ein mitreißender und höchst authentischer Roman einer wunderbaren Freundschaft mit großartigen Dialogen.
# Andrew O'Hagan: Maifliegen (aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié); 336 Seiten; Ullstein Verlag, Berlin; € 24,99WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)