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CHRISTOPH NUßBAUMEDER: „DAS HERZ VON ALLEM“
Im Jahr 1796 bricht von New York aus eine Gruppe Männer zu einer Expedition in die unerschlossenen Weiten Nordamerikas auf. Ziel soll allerdings nicht Neuland oder eine ferne Küste sein, sondern das Auffinden des sagenhaften Incognitum, einer Art Mammut, nur noch viel größer als dieses Urtier.
Die legendäre Lewis-and-Clark-Expedition zur Erkundung des amerikanischen Westens von 1804 bis 1806 war der Ideengeber für den preisgekrönten Dramatiker Christoph Nußbaumeder, nach dem großen Erfolg von „Die Unverhofften“ (2020) nun unter dem Titel „Das Herz von allem“ einen zweiten Roman zu schreiben.
Im Mittelpunkt steht als Ich-Erzähler Johannes Gottstein, der 1796 mit 30 Jahren nach New York segelt. In der bayerischen Heimat war er Benediktiner-Mönch, der jedoch wegen zu viel Freigeistigkeit sogar exkommuniziert worden war. Der wohlhabende Amerikaner Oliver Hancock, selbst Freimaurer, hatte den jungen Priester, der sich bald zu John Stone naturalisierte, eingeladen, als Seelsorger an einer geheimnisvollen Expedition teilzunehmen.
Gesucht werden solle das „American Incognitum“, das rätselhafte angeblich größte Tier der Welt. Der Fund verheiße Ruhm als Weltsensation. Wie sich in den Passagen über die Vorbereitung der Expedition herausschält, handelt sich es sich den 13 Mann der Gruppe um eine höchst heterogene Gesellschaft.
Mit Großgrundbesitzer Hancock als charismatischem Initiatior, der einerseits die Freiheit eines jeden Menschen als Ideal propagiert, andererseits aber mit Sidney den familieneigenen Sklaven mit auf den Weg nimmt, hat das Unternehmen einen komplexen Anführer mit einigen Abgründen.
Im März 1796 brechen sie auf und das Zielgebiet liegt 1.000 Meilen im noch weitgehend unerforschten und unwegsamen Westen. Dort irgendwo im Gebiet der Lakota-Indianer soll das verborgene Tal mit dem „Eingang zur Unterwelt“ liegen, in dem das Incognitum haust. Oder einst gelebt hat.
Wenn John Stone nun, 40 Jahre nachdem er die neun Monate der Expedition durchlitten hat, von all den Strapazen in der Wildnis, von Eisstürmen, von Überfällen und fremden Indianerstämmen in einer Art Memoirenband erzählt, tut er dies ebenso wortgewaltig wie bildstark.
Doch nicht umsonst agiert Stone hier aus ausgestoßener Priester, der früh Gedanken- und Entfaltungsfreiheit suchte und verfemte Literatur las, er ist ein humanistischer Denker. Und immer wieder fließen seine Impressionen vom Wesen der Welt, vom Sinn dieser Reise und von den massiven Gegensätzen zwischen den Reisegefährten ein.
Die Ausrüstung für diesen gefahrvollen Weg ist denkbar primitiv, und sie können froh sein, dass sich ihnen die entwurzelte Indianerin Nanawu anschließt. Sie sucht ihren Stamm und sie dient immer wieder als unverzichtbare Dolmetscherin.
Die Geschichte entfaltet sich als große Literatur im Stile alter Meistererzähler, hat dabei allerdings ihre philosophischen Passagen, die ihr viel nachdenkliche Tiefe geben. Glaube, Ideale, Streben nach Macht und Reichtum sind ebenso Fragen wie die nach der Anmaßung der weißen Eindringlinge in das jungfräuliche Land, das ihnen nicht gehört.
Das wird um so eindrücklicher im großartigen Kapitel, in dem die bereits dezimierte Gruppe als nicht ganz freiwillige Gäste in jenem Lakota-Dorf verweilen, das quasi am Eingang des Tals liegt, wo die angeblichen Fabeltiere hausen.
Da verkündet Medizinmann Old Smoke, die vier Haupttugenden der Lakota seinen Tapferkeit, Seelenstärke, Großzügigkeit und Weisheit. Nur die wenigsten Weißen besäßen eine der drei ersten Tugenden. Nach Weisheit habe bislang noch niemand gesucht, der in ihr Land gekommen sei: „Die Weißen wollten stets nur die Schätze der Lakota rauben oder Geschäfte machen.“
Die Expedition findet riesige Stoßzähne und sie findet tiefe Erkenntnisse. Die auch das Lesen dieses außergewöhnlichen Romans zu einem Abenteuer der besonderen, lange nachhallenden Art machen.


# Christoph Nußbaumeder: Das Herz von allem; 447 seiten; Rowohlt Verlag, Berlin; € 25
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)