- Geschrieben von: Wolfgang A. Niemann
- Kategorie: Belletristik (Roman/Krimi)
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ESTHER SCHÜTTPELZ: „GRÜNE WELLE“
Nach dem monatlichen Kinobesuch mit ihrer besten Freundin setzt sich eine Frau in ihren alten VW-Golf und macht sich auf den Heimweg. Bis eine Uleitung sie vom Weg abbringt. Ausfahrt um Ausfahrt verpasst sie nun und entfernt sich immer weiter von ihrem Zuhause, wo ihr Mann wartet.
Damit beginnt der zweite Roman von Esther Schüttpelz unter dem Titel „Grüne Welle“. Die namenlose Mittvierzigerin lässt sich von Erinnerungen, vor allem aber von ununterbrochenen grünen Ampelphasen immer weiter forttreiben. Anfangs greift sich noch zum Smartphone, um ihrem Mann die Verspätung anzukündigen, doch der Akku ist leer.
Also setzt sich dieser eigentlich seltsame unbeabsichtigte Road-Trip fort und in einem fortwährenden inneren Monolog kommen Gegenwart und Vergangenheit hoch. Dass sie Künstlerin ist, die einst mit Aufbruchstimmung erste Ausstellungen hatte. Ganze zwei solcher Berichte finden sich noch im Internet.
Je weiter sie ins Ungewisse fährt, verstärkt sich ihr Eindruck, dass der lädierte Golf eine Art Refugium ist: „Sie gehörte in dieses Auto. Darin funktionierte sie einfach besser.“ Und dann nimmt sie zwei Anhalterinnen mit, die sich ebenfalls für Kunst interessieren.
Ihnen gegenüber nennt sie sich „Amy“, einfach wegen eines Songs von Amy Whitehouse, den sie zuvor im Radio gehört hatte. Als sie dann in einem Wald ein Reh totfährt, hat das etwas Symbolisches, zumal die Anhalterinnen sie auf die blauen Flecken an ihren Armen ansprechen. Was zum Streit führt und sie die Beiden einfach zurücklässt.
Aber sie ist ja tatsächlich die Beute eines ebenso dominanten wie gewalttätigen Mannes und diese grüne Welle könnte doch symbolhafter kaum sein, nicht aus dieser besonders dunklen Märznacht zurückzukehren.
Auch ihre Freundin kommt zu Wort und sogar zu einem Kontakt mit dem Ehemann. Der einerseits keine Polizei einschalten will, andererseits jedoch von einer dreisten Idee spricht: er will eines der Bilder seiner Frau kaufen, um es ihr später zum Geburtstag zu schenken.
Irgendwann in der labyrinthischen Nacht stellt die Frau fest: „Ich habe nicht niemanden.“ Und es werden 23 Stunden, die die grüne Welle sie – vielleicht – in eine neues Leben fahren lässt. Was offen bleibt und zugleich ein konsequenter Schluss dieses kühlen spröden Romans ist. Vieles wird hier nur angerissen, angedeutet, doch gerade die intensive und ebenso kühle wie distanzierte Prosa macht diese Geschichte so besonders.
# Esther Schüttpelz: Grüne Welle; 206 Seiten; Diogenes Verlag, Zürich; € 25
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)
