
FREDRIK BACKMAN: „FREUNDE FÜRS LEBEN“
„Freunde fürs Leben“ heißt der Titel von Fredrik Backmans jüngstem Roman und um vier davon geht es hier. Am Anfang aber steht Louisa, 25 Jahre nachdem das Quartett seinen ganz großen Sommer der Veränderungen erlebte.Am Tag vor ihrem 18. Geburtstag läuft das Heimkind, das mit fünf einfach von ihrer Mutter verlassen wurde, aus dem Heim weg. Ihre Freundin Fish, ihre einzige Vertraute, ist an einer Überdosis verstorben, und nun gibt es nur noch einen kleinen Fixpunkt in ihrem Leben, eine Postkarte aus Kindertagen. Die zeigt das weltberühmte Gemälde „Das vom Meer“ von C. Jat mit den drei jungen Menschen auf einem Anleger am Meer. Und gerade jetzt wird dieses Bild hier in seiner Heimatstadt, wo es einst entstand, anlässlich einer Auktion in einer ehemaligen Kirche ausgestellt.Ein einziges Mal in ihrem Leben muss Louisa dieses Bild im Original sehen, alles andere interessiert sie nicht mehr. Dass sie dafür in die Kirche einbrechen muss, um überhaupt in dieser Veranstaltung für bräsige reiche Erwachsene zu gelangen, ist ihr egal. Und schon dieser Einstieg ist so leichtfüßig und mit solch brillant ironischer bis satirischer Klugheit geschrieben, dass der schwedische Bestsellerautor alle seine bisherigen Romane damit übertrifft. Da entfaltet sich ein wahres Feuerwerk an hinreißenden Formulierungen, Vergleichen und grandiosen Metaphern, so dass man manche Zeile oder ganze Seiten ein zweites Mal liest.Doch „Freunde fürs Leben“ ist zwar ein Buch zum Schmunzeln und Lachen, aber auch eines mit Passagen zum Weinen. Erstmal jedoch fliegt Louisa auf und kann den Sicherheitsbullen nur knapp entkommen. Wobei sie mit einem sanften Obdachlosen zusammenstößt, der allerdings genau das gar nicht ist. Eine schicksalhafte Begegnung, denn auch er wollte „Das vom Meer“ noch einmal sehen. Nun aber toben sich diese Beiden an der Rückwand der einstigen Kirche mit Louisas Spraydosen aus, die sie als Graffiti-Fan stets im Rucksack bei sich führte. Und bei ihm ist die Begeisterung über Louisas Malereien so groß, dass er diese mit spektakulären Totenköpfen bereichert, wie sie das berühmte Kennzeichen C. Jats waren. Es ist der berühmte Maler, inzwischen 39 Jahre alt und von Krankheit ausgezehrt.Doch dann springt die Geschichte in jenen Sommer, als er und die anderen drei, die auf dem Gemälde verewigt sind, eben 14 waren. Es sind Freunde von unerbittlichem Zusammenhalt, trotz riesengroßer Verschiedenheit. Und es kommt Bitternis auf, wenn da von den prekären Verhältnissen gesprochen wird, aus denen sie allesamt kommen: „Sie wussten genau, dass sie dumm und nutzlos waren, denn das hatte man ihnen die ganze Kindheit hindurch gesagt.“Wie diese einzigartigen Charaktere beschrieben werden, ist ebenso meisterhaft wie ihr Miteinander. Der Maler, damals noch Kimkim gerufen, steckt voller Ängste mit massiven psychosomatischen Folgen: „als könnte ihn schon das bloße Leben verletzen.“ Der wortkarge Ted ist scheu und nie wütend, im Gegensatz zum ständig aufgewühlten Joar. Der sich als kleiner großer Mann gegen jeden und alles wehrt.Gerade sein Dasein erweist sich als besonders bewegend, denn wie seine Mutter kennt er schon lange keine Zeiten mehr ohne schwere Prügelspuren vom versoffenen Vater. Die dritte Figur auf dem Gemälde und Vierte im Bunde ist Ali, von den Jungs als die kleine Wahnsinnige bezeichnet. Sie taucht erst später im Roman auf, wie auch im Kreis der verschworenen Freunde, als diese gerade 14 geworden waren.In Sprüngen entfaltet sich auf raffinierte Weise, wie Joar die Meldung eines Malwettbewerbs nutzt, um Kimkim zur Teilnahme zu drängen, damit er weltberühmt wird. Da steht dieser Satz „Fantasie ist die einzige Waffe eines Kindes“ und dessen Weg vom vermeintlichen Nichtskönner zum umjubelten Künstler-Star wird mit faszinierenden Puzzle-Teilen immer wieder eingeflochten. Um so packender dann sein Ableben nach der Begegnung mit Louisa, bei dem er Ted auf dem Sterbebett zweierlei ans Herz legt. Sie soll „Das vom Meer“ erben, weil sie ihn so glücklich gemacht hat. Und außerdem: „Sie ist eine von uns.“Mehr aber kann und darf nicht verraten werden von diesem Füllhorn an Szenen, die immer wieder herzhaft komisch sind und dann wieder schier herzzerreißend, ohne je auch nur einen Hauch von Sentimentalität zu bekommen. Ständig durchzieht ein Wechsel von Heiterkeit und melancholischer Philosophie diesen Roman, obwohl er inhaltlich der dunkelste dieses Autors ist. Fazit: „Freunde fürs Leben“ ist ein Wunder von einem Buch und wen es nicht bewegt, der müsste wohl einen Verstand von Stroh und ein Herz aus Stein haben.
# Fredrik Backman: Freunde fürs Leben (aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt); 535 Seiten; Goldmann Verlag, München; € 25WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)