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GAEL FAYE: „JACARANDA“
Als ihr Jacaranda, ihr großer Schutzbaum, gefällt wird, um Platz für Neubauten zu machen, wird Stella so irre, dass sie in die Psychiatrie muss. Er stand auch für die tief verborgene Erinnerung an den barbarischen Völkermord der Hutu an den Tutsi in Ruanda von 1994.
„Jacaranda“ heißt auch der Titel von Gael Fayes zweiten Roman, der in Frankreich bereits mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet wurde. Der Schriftsteller und Sänger wurde 1982 in Burundi geboren und lebt in Ruanda und Paris. Sein Ich-Erzähler Milan ist eine Art Alter ego des Autors, denn dieses Buch ist stark autobiografische gefärbt.
Milans Mutter hatte ihre ruandische Vergangenheit stets völlig ausgegrenzt. Da gab es weder exotische Gegenstände noch Fotos von früher, keine Musik aus ihrer Geburtsheimat und es wurden auch nie Gerichte von dort gekocht. Dabei kommt die Mutter aus dem Land des unfassbaren Massakers zwischen zwei Völkergruppen, dem 100.000e von Menschen zum Opfer fielen.
„Bei uns wurde die Verstörung geschluckt wie ein Löffel voll Schweigen.“ Doch Milan war ein ganz normaler unbeschwerter Junge aus Versailles, bis Claude auftauchte, ein Verwandter der Mutter aus Ruanda. Erstmals gewinnt dieses afrikanische Land, von dem er nur aus den Abendnachrichten gehört hatte, eine Bedeutung.
Und dann reist die Mutter mit ihm zur Großmutter in das ferne Land. Was ihn nie mehr loslässt, so dass er als junger Mann wieder und wieder nach Kigali reist, um mehr über die verborgene Geschichte seiner Familie herauszubekommen. Er freundet sich mit Claude an sowie dem seltsamen Sartre mit seinen Geheimnissen.
Milan lernt Verwandte und Orte kennen, von denen er zuvor nichts wusste. Und besonders hilfreich auf den Reisen auch zu seiner eigene Identität ist Cousine Stella als besonders wichtige Quelle all des furchtbaren Wissens aus der finsteren Zeit.
Er erlebt mit, wie in den Prozessen in großen Stadien viele Zeugen die lange verdrängten Erinnerungen an die Blutorgien erstmals herauslassen, unter denen sie noch immer leiden. Es eröffnen sich die unglaublichen Dimensionen des Völkermordes und es ist nur eine vage Genugtuung, dass drastische strafen über die Schlächter verhängt werden.
Milan wird so manches Geheimnis seiner eigenen Familie nie erfahren und vieles bleibt im Ungefähren in einer Bevölkerung, die zu 60 Prozent erst nach 1994 geboren wurde und das meiste nur vom Hörensagen – und von zutiefst traumatisierten Überlebenden – kennt.
Fazit: ein zutiefst bewegende Roman, ganz nah an der furchtbaren Wirklichkeit und ganz wichtig, um diesen afrikanischen Holocaust niemals zu vergessen.


# Gael Faye: Jacaranda (aus dem Französischen von Andrea Alvermann und Brigitte Grosse); 271 Seiten; Piper Verlag, München; € 24
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)