- Geschrieben von: Wolfgang A. Niemann
- Kategorie: Belletristik (Roman/Krimi)
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GRAHAM NORTON: „EINE WIE FRANKIE“
Damian ist Pfleger in London und er wird von seiner Firma zu einer 84-Jährigen entsandt, die mit gebrochenem Knöchel Betreuung in ihrer Wohnung benötigt. Diese Frankie Howe stammt wie er aus dem irischen Cork und nicht nur deshalb gelingt es ihm bald, ihre grantige Haltung zu überwinden und von einem bewegten Leben zu erfahren.
Das ist der Einstieg zu „Eine wie Frankie“, dem jüpngsten Roman des preisgekrönten Erfolgsautors Graham Norton. Die recht bald recht vertraulichen Gespräche zwischen dem 28-jährigen Pfleger mit der einfühlsamen Art und der alten Dame bieten den Rahmen für eine Vita mit allerlei krassen Wendungen.
Frances, so ihr eigentlicher Vorname, denkt mit einiger Bitterkeit zurück an ihre Kindheit und Jugend im erzkonservativen Irland, die mit knapp elf Jahren aus der Normalität ins Düstere kippte. Während sie bei einem Kindergeburtstag weilte, starben ihre Eltern bei einem tragischen Autounfall.
Das passierte 1950 und das schockierte Mädchen kam zu Tante Mona und ihrem Mann, einem strengen protestantischen Kirchenmann. Während der freudlosen Jugend gab es nur zwei Lichtblicke: ihre Freundschaft mit Norah, die für ihre gesamtes späteres Leben – bis jetzt im Jahr 2024 von großer Bedeutung bleiben wird.
Die andere glückliche Fügung ist ein halbjähriges Seminar an der École Gastronomique in Cork, wo ihr Naturtalent in Kochen und Backen eine wichtige Förderung erhält. Bald aber schlägt das Schicksal erneut aus heiterem Himmel zu, als ihre Vormunde sie mit eben 18 Jahren ungefragt mit dem Domkapitular Alan Frost verheiraten.
Der verwitwete 45-Jährige erweist sich als unfähig, die ehe zu vollziehen. Die unbedarfte Frances wird nach einiger Zeit zum Schlafen in eine Dachkammer abgeschoben, platzt dann jedoch unversehens in eine aberwitzige Szene: der verklemmte Geistliche in flagranti mit der verheirateten Nachbarin.
Mit absurden Folgen für Frances, denn sie wurde bei einer Botenfahrt beobachtet, wie sie mit dem Fischer Sullivan einen Kuss und eine Umarmung austauschte. Mehr nicht, doch in der damaligen Bigotterie für den Gatten ein willkommener Anlass, sie in Schimpf und Schande fortzujagen.
Was für Frances dennoch zur glücklichen Fügung wird, denn sie folgt Freundin Norah nach London und lernt in deren lesbischer WG ein gänzlich anderes Leben kenne. Und in diese völlig neue Welt kommt auch noch das Angebot einer reichen Literaturagentin, mit ihr nach New York zu gehen.
Es sind die wilden 60er Jahre in der dortigen Kunst- und Kulturszene und Frances mittendrin. Nicht viel später serviert die exaltierte Agentin sie zwar abrupt ab, doch auch dieser erneute plötzliche Bruch zerbricht Frances nicht. Stattdessen eröffnen sich zwei neue Wege fr sie.
Einerseits verliebt sie sich in den Chauffeur Joe, der mit seinen verrückten Kunstideen bald einen ungeahnten Durchbruch erlebt. Frances selbst aber bekommt auch einen Höhenflug – mit ihren kreativen Kochkünsten. Die setzt sie so erfolgreich in der Restaurantszene ein, dass sie zu einem regelrechten Star wird.
Das New Yorker Leben ist allerdings auch von Hedonismus und Exzessen geprägt und insbesondere in der queeren Szene fordert schließlich eine neue Seuche zahlreichen Opfer: AIDS grassiert auch in Frances' Freundes- und Bekanntenkreis. Sie und der umschwärmte Joe entfremden sich derweil und im Alter kehrt Frances nach London und zu Norah zurück.
Und hier schließt sich der Kreis in den langen Gesprächen mit Damian. Das Alles wird ruhig und recht unspektakulär erzählt und fesselt gleichwohl mit diesem Bogen aus dem bigotten Irland der 50er Jahre durch die Aufbruchsjahre der 60er bis in die wilden 80er. Fazit: ein guter Unterhaltungsroman, nicht mehr, aber auch nicht weniger.
# Graham Norton: Eine wie Frankie (aus dem Englischne von Silke Jellinghaus); 397 Seiten; Rowohlt Kindler Verlag, Hamburg; € 25
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)
