- Geschrieben von: Wolfgang A. Niemann
- Kategorie: Belletristik (Roman/Krimi)
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HANS-GERD RAETH: „WIR FREITAGSMÄNNER“
Henri Albers ist 55, Personalchef bei einem Berliner Zeitungsverlag und fühlt sich eigentlich ziemlich okay. So etwas aber ist ihm nie passiert: beim ersten Date mit der aufgedrehten Cindy in einem Restaurant erklärt sie ihm erstens, dass er in natura älter als auf dem Kontaktfoto aussehe, und dann lässt sie ihn auch noch wegen Handy-Anrufen ihres Schwarms Pablo sitzen.
Damit beginnt Hans-Gerd Raeths jüngster Roman „Wir Freitagsmänner“. Henri lebt zwar nicht sonderlich gesund und hat ein paar Kilo zu viel drauf, dennoch erschüttert der nächste Akt sein Weltbild noch um einiges heftiger: der Anruf seines Doktors.
Der eröffnet dem fassungslosen Henri in der Edel-Praxis, dass sein Blutbild klare Symptome zeige – den Einstieg in die Andropause, vulgär Wechseljahre der Männer genannt. Da müsse er unbedingt tätig werden von wegen Rauchen, Alkohol, Ernährung, körperliche Ertüchtigung.
Dabei ist Henri doch gerade bei dem Debakel mit indy in eben dem Restaurant seiner Traumfrau begegnet. Die weiß zwar noch nichts von seiner Blitz-Verliebtheit, doch Henri ist clever genug, dieser Coaching-Expertin Emily sehr schnell ausfindig zu machen und sie auf immer verschrobeneren Umwegen anzubaggern.
Man beachte jedoch den Werdegang dieses gewieften Erfolgsautors: er hat Psychologie studiert und versteht es glänzend, die persönlichen Eigenheiten und Macken insbesondere von Männern zu entlarven. Als studierter Philosoph bringt er auch wunderbar leichtfüßige Weise gedankliche Tiefe und Lebensklugheit ein. Und schließlich beherrscht Raeth, der Germanist, einen köstlich ironischen bis satirischen Stil in Hochglanzqualität.
Dazu trägt neben Henris Kumpel und Altersgenosse Felix, Freund seit ewig und schonungsloser Kritiker – mit hinreißenden Dialogen bei. Und Henris Vergangenheit entfaltet sich obendrein als durchaus typisch.
25 Jahre war er mit Jenny verheiratet, die ihn nach der Scheidung wegen der blutjungen Sue schwer geschröpft und auch das Haus behalten hat. Während Henri verdreht und ziemlich tolpatschig wirklich vermeintlich professionelle Dates mit Traumfrau Emily hat, muss er sich nun auch mehrfach bei Jenny einfinden und zwar nicht nur wegen der gemeinsamen erwachsenen Kinder.
Jenny hat einen neuen Partner und dieser sehr viel jüngere Timm will in das von Henri immer noch mitfanzierte Haus einziehen. Zwischendrin nervt ihn sein Arzt und Felix breitet derweil sich als Untermieter in seiner eher bescheidenen Wohnung aus – wegen Problemen mit seiner Ehefrau.
Tatsächlich fühlt sich Henri jetzt zuweilen irgendwie nicht so recht fit bis hin zu einem kleinen Schwächeanfall, Andererseits gibt es ein spontanes Wiedersehen mit der flippigen Cindy, das zu einer Sex-Szene führt, wie man sie so zwerchfellerschütternd wohl selten gelesen hat.
„Wer wird denn gleich alt werden?“ lautet der Untertitel dieses Romans und der Erfolg von Henris trotzig-philosophischem Kampf gegen die Molesten der sogenannten Andropause soll hier nicht verraten werden.
Ein besonderes Lob verdient diese köstliche Geschichte aber auch durch die Einbeziehung von Henris Arbeitswelt, denn viel zu selten werden die Erosionen in der Zeitungswelt so gnadenlos entlarvt. Das Zerbröseln des seriösen Journalismus wird hier auf brillante und dabei keineswegs plakative Weise beschrieben.
Henri kämpft fatalistisch um den Erhalt der gedruckten Zeitung mit gediegenem Inhalt. Die ihm wohlgewogene reiche Verlegerin macht ihm gegenüber kein Hehl daraus, dass sie sich diese Extravaganz der Printversion einfach leisten will, dass der quirlige wilde Circus der Online-Ausgabe dabei jedoch den Umsatz reinholen muss – Hauptsache unterhaltsam.
Fazit: ein großartiger süffiger Roman für intelligente Genießer, der im Übrigen nicht nur absolut filmreif sondern gerade auch weiblichen Lesern zu empfehlen ist.
# Hans-Gerd Raeth: Wir Freitagsmänner. Wer wird denn gleich alt werden?; 287 Seiten; dtv Verlag, München; € 23
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)
