
HEIKE GEIßLER: „MICHAELA KOHLHAAS“
Der Pferdehändler Michael Kohlhaas erlitt ein großes Unrecht und sein Rechtsgefühl ließ ihn daraufhin zum Räuber und Mörder werden. So erzählte es Heinrich von Kleist vor über 200 Jahren in seiner berühmten gleichnamigen Novelle.
Erfolgsautorin Heike Geißler machte nun eine Schwester im Geiste jenes Helden zur Titelfigur ihres jüngsten Romans, der konsequenterweise „Michaela Kohlhaas“ heißt. In der Jetzt-Zeit angesiedelt, wird deren Geschichte von einer anonymen Ich-Erzählerin ausgebreitet. Die allerdings schon zu Beginn bekennt, sie wäre „ihr lieber nicht begegnet.“
Das Kennenlernen erfolgte auf einem Leipziger Friedhof, wo diese Michaela Kohlhaas als stellvertretende Friedhofsverwalterin arbeitete. Eine unauffällige alleinstehende Frau von Anfang 40. Aus einer gewissen Distanz heraus und zugleich gebannt verfolgt die Erzählerin das irgendwie spröde Verhalten der Frau.
Die offenbar mit der Gegenwart fremdelt. Und dann erfahren muss, dass ihre Lieblingskneipe „Tronkenberg“ inmitten einer Plattenbausiedlung von einem schnöseligen neureichen Galeristen aufgekauft wurde. Michaela Kohlhaas ist empört und erlebt ihre ganze Ohnmacht, als sie im Rathaus dagegen protestieren will.
Und nun reagiert sie drastisch mit ihrem „zur Geduld nicht mehr sonderlich fähigen Gerechtigkeitssinn“. Knall auf All verlässt sie ihr Leben als normales Mitglied der Gesellschaft. „Sie ging wie eine, die auf die gewohnten Bündnisse nichts mehr gab.“
Sie steigt aus, geht bewusst in die Obdachlosigkeit, übt zivilen Ungehorsam, Mundraub und illegales Hausen inklusive. Eine Aufsässige, wo ihr Namensvetter von einst zum brandschatzenden Rebellen wurde.
Mag sie auch manch heftige oder wirre Sprüche von sich geben, als sie schließlich beinah hexenartig mit einem Planwägelchen durch Sachsen zieht, bei einem Fernsehauftritt als wahre Stinkmorchel – einer herrlich skurrilen Passage – soll sie sich erklären.
Und hier wird der große Gegensatz zum einstigen Michael Kohlhaas mit ihrem sperrigen Bekenntnis überdeutlich: „Ich habe gar keine Botschaft. Ich habe eine Lebensweise.“ Gewissermaßen als Protest gegen die Bürgerlichkeit und ihre Auswüchse geht sie in einem krassen Nonkonformismus, in dem sie sich innerhalb eines Jahres zugrunde richtet.
Wo der Pferdehändler Kohlhaas noch unvergessliche blutige Spuren als Rebell hinterließ, verpufft die Widerstandshandlung seiner Epigonin einfach. Weil sie schlichtweg zu unbedeutend ist, als dass sie mehr als ein Naserümpfen, Schulterzucken und baldiges Vergessen nach sich zu ziehen vermöchte.
Bezeichnete Heinrich von Kleist seinen zur Kultfigur gewordenen Michael Kohlhaas als „einen der rechtschaffensten und zugleich entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“, so ist diese Michaela Kohlhaas weder das eine noch das andere, sondern nur eine wundersame Aussteigerin mit einem eher geringfügigen Auslöser.
Bei deren Aufbegehren das Geschlecht im Übrigen ebenfalls keine besondere Rolle spielt. Wenn dieser spröde „aufrührerische Schwäninnengesang“ dennoch fesselt, dann durch den beinahe kafkaesken Erzählstil: präzise und nüchtern, wie man das Verhalten eines seltenen Insekts beobachtet.
# Heike Geißler: Michaela Kohlhaas; 256 Seiten; Suhrkamp Verlag, Berlin; € 24
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)