
HELMUT KRAUSSER: „WER HAT UNS JE GELIEBT?“
Es fängt mit zwei Todesfällen an, es hat mit Liebe, dem Fehlen derselben, aber auch mit Schwermut zu tun. Und eine Menge mit der Großstadt Berlin, der Wahlheimat von Helmut Krausser.
Dessen jüngster Roman den Titel „Wer hat uns je geliebt?“ trägt und mit dem Suizid von Jette beginnt. Die depressive übergewichtige Lehrerin mit Burn-out will sich vom Balkon stürzen. Was später auch tatsächlich geschieht, mit Nebenwirkungen auf eine sich eben anbahnende Liebesbeziehung.
Der andere Todesfall aber ist nicht nur viel spektakulärer, er zieht alles Andere nach sich. Da kehrt der eben von seiner Freundin verlassene 50-jährige Lichttechniker Werner P. ins Lokal „Belmont“ ein, entdeckt dort einen alten Backgammon-Spieler und spielt mit ihm um bescheidene Einsätze.
Seine Pechsträhne wirkt sich auch aufs Spielen aus und nach einigem Fluchen wird sein Kopf puterrot und – zerplatzt in winzige Teile. Leise zwar, aber mit einer Riesensauerei. Die Polizei steht vor einem Rätsel, mangels irgendwelcher Einwirkungen durch Dritte bleibt es jedoch dabei und die Ermittlungen werden eingestellt.
Nur Kriminalhauptkommissarin Lucia Lill, 34 und als etwas verschroben geltend, mag nicht aufgeben. Vor allem wegen des Spielpartners des Toten, einem Stammgast namens Enki. Ein mysteriöser alter Zausel von seltsamer Anziehungskraft.
Besonders auf Frauen, denn Lucia ist nicht die Einzige, die nicht von ihm lassen kann und immer wieder seine Nähe sucht. Auch Ivy Gispritz, eine hemmungslose Boulevardjournalistin, mischt sich immer wieder ein. Und nicht von ungefähr hört sich ihr Name so ähnlich an wie „Giftspritze“.
Enki aber erweist sich zunehmend als ein Typ irgendwie nicht von dieser Welt. Enki heißt er wie der sumerische Gott der Magie. Allerdings nur so, ohne Nachnamen. Oder Geburtsdatum, polizeilich gemeldeter Adresse oder Sozialversicherungsnummer. Dafür mit seltsam schmuddeliger Aura und undurchschaubar.
Doch Multitalent Krausser – auch Dramatiker, Poet und Musiker – hat hier weder einen echten Krimi noch ein Drama oder einfach nur eine gradlinige Geschichte geschrieben. Ganz im Stil des Magischen Realismus lässt der Sprachjongleur das Geschehen mit immer neuen Überraschungen mäandern.
Immer neue Charaktere spielen hinein, ebenso exzellent gezeichnet wie rätselhaft. Manche Szenen verblüffen mit skurrilen Wendungen, die beinahe an Kafka erinnern, nur ohne dessen Bierernst. Und selbst als Enki Suizid begeht, verwirrt das nicht wirklich, auch wenn sein Tod einfach noch einmal vieles verändert.
Das ist verrückt, schwergewichtig und dabei seltsam leichtfüßig. Ob dieser teils groteske Roman eine Deutung zulässt? Eher nein, aber wozu auch? Er offenbart ganz einfach ein sehr eigenwilliges Lesevergnügen, bei dem allein schon die Sprache ein Hochgenuss ist.
# Helmut Krausser: Wer hat uns je geliebt?; 302 Seiten; Berlin Verlag, Berlin/München; € 25
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)