- Geschrieben von: Wolfgang A. Niemann
- Kategorie: Belletristik (Roman/Krimi)
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HUBERT NOWAK: „ELEONORA“
Ein Leben wie die Vorlage für einen großen bewegten Film, so liest sich die Vita der Eleonora von Mendelssohn (1900-1951). Erstaunlich unbekannt geblieben, hat jetzt Hubert Nowak den seit langem überfälligen Roman der Lebensgeschichte dieser Schauspielerin und Lebedame geschrieben.
Schlicht „Eleonora“ hat der versierte Radio- und Fernsehjournalist sowie Verfasser von Sachbüchern sein Romandebüt überschrieben. Und wie in einem der berühmten Hollywood-Filme setzt er damit ein, wie die Haushälterin die 51-Jährige Emigrantin in ihrer New Yorker Wohnung tot auffindet.
Suizid mit einem Äthertuch auf dem Mund auf Grund schwerer Depressionen. Das stellt der Arzt fest, der sie bis dahin fortlaufend mit Tabletten und Morphium versorgt hatte. Auch die Obduktion ergibt keine Hinweise auf ein Fremdverschulden, Zweifel aber blieben ähnlich denen bei Marilyn Monroes Tod 1962.
Dann aber geht es chronologisch weiter, beginnend mit der Kindheit und Jugend der Bankierstochter, die in einer imposanten Berliner Villa aufwächst. Während sie lebenslang ein komplexes Verhältnis zu ihrer überspannten italienischen Mutter Giulietta hat, liebt sie Vater Robert abgöttisch.
Der Privatbankier jüdischer Herkunft betätigt sich als Kulturenthusiast nicht nur als Sammler hochkarätiger Gemälde sondern auch als Theater-Mäzen. Wodurch Eleonora schon als Teenager den zur Legende aufsteigenden Impresario Max Reinhardt kennenlernt.
Robert von Mendelssohn ermöglicht diesem die Realisierung mancher seiner grandiosen Ideen erst durch sein geld. Eleonora aber himmelt den 27 Jahre älteren Österreicher schon früh an und will unbedingt Schauspielerin werden. Doch der Erste Weltkrieg beginnt und Vater Robert stirbt bereits 1917 früh an Nierenversagen.
Im Hause Mendelssohn jedoch bleibt auch trotz der deutschen Niederlage das zentrale Interesse an neuen Kunstwerken und dergleichen bestehen. Eleonora und der ihr stets eng verbundene jüngere Bruder Francesco genießen das Leben weiterhin als verwöhnte Kinder der Oberschicht in Saus und Braus.
Zur exaltierten Schönheit erblüht und ebenso verführerisch wie unberechenbar, nimmt sie mit Max Reinhardts Hilfe einerseits Schauspielunterricht und heiratet andererseits mit eben 19 Jahren den berühmten Pianisten Edwin Fischer. Sie begleitet ihn international, Liebesglück allerdings stellt sich nicht ein.
Das gilt jedoch gleichermaßen für die drei weiteren Ehen ihres kurzen Lebens. Um so wichtiger bleibt die große Liebe zu Reinhardt, von dem sie dann sogar schwanger wird. Doch er ist nicht nur verheiratet., er hat auch die sehr eifersüchtige Geliebte Helene Thimig an seiner Seite, eine dauerhafte Feindin Eleonoras.
Die unterzieht sich einer illegalen Abtreibung, die so stümperhaft vorgenommen wird, dass ihr viel späterer Kinderwunsch – in der liebesarmen Ehe mit dem Schauspieler Rudolf Forster – unerfüllt bleibt. Erstmal aber toben in Berlin die Goldenen Zwanziger, die sie und ihre Bruder hemmungslos genießen. Und auch für die lebenshungrige Eleonora lautet die Devise: „Statt Gefühl gab es Aufputschmittel.“
Allerdings reüssiert die Schöne tatsächlich auch als Schauspielerin und nebenher wird ihr der neue Star Marlene Dietrich zur Freundin und Vertrauten. Zugleich bleibt ihr privates wie ihr berufliches Leben eine Achterbahnfahrt, während im Hintergrund sich unaufhaltsam das braune Gewitter auftürmt.
1933 spielt Eleonora von Mendelssohn sogar in einer Nebenrolle beim Gustav-Gründgens-Triumph „Faust“ mit. Was jedoch auch ihr letzter Auftritt in Deutschland ist und durch eine neue Heirat zur Österreicherin geworden, erlebt sie einige ebenso bewegte wie luxuriöse Jahre in der Alpenrepublik. Und trifft immer wieder Mac Reinhardt, spielt Rollen unter ihm u.a. bei den von ihm gegründeten Salzburger Festspielen.
Um ihn auch finanziell unterstützen zu können, verkauft sie sogar einige berühmte Gemälde aus der geerbten Sammlung. Doch auch als sie mit Bruder Francesco 1935 in die USA emigriert und dort einige Auftritte am Broadway hat, bleibt sie manisch-depressiv und von Morphium und anderem abhängig.
Auch wenn sie nun des öfteren wertvolle Kunstwerke veräußern muss, um ihren exklusiven Lebensstil – und den des schwer alkoholkranken schwulen Bruders aufrecht erhalten zu können: es könnte ihr gut gehen. Doch die noch immer schöne Frau, der sogar noch Begegnungen mit dem ebenfalls emigrierten Max Reinhardt vergönnt sind, bleibt echtes Liebes- und Lebensglück versagt: „Sie suchte Liebe, liebte aber nicht. Sie ließ sich lieben.“
Daran änderte auch die lange Liste berühmter Liebhaber bis hin zu Star-Dirigent Arturo Toscanini nichts. Das alles und auch abenteuerliche Details wie die enge Freundschaft ihrer Mutter mit Italiens Duce Mussolini und die einzigartige Ansammlung von prominenten Namen hat Hubert Nowak intensiv recherchiert und gekonnt einfließen lassen.
Zusammen mit viel Zeit- und Lokalkolorit ist daraus ein hinreißender Roman vor sehr realem Hintergrund entstanden. Fazit: ein großes Lesevergnügen und wahrlich eine Vorlage für eine opulente Verfilmung.
# Hubert Nowak: Eleonora; 510 Seiten; Braumüller Verlag, Wien; € 28
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)
