
IMANI THOMPSON: „HONEY“
„Honey“ lautet der Titel des Debütromans der britischen Autorin Imani Thompson. Süßes kommt darin allerdings nur vor, wenn es um allerlei Speisen geht. Ansonsten aber gibt es hier ganz viel scharf Gewürztes. Im Mittelpunkt steht nämlich mit Yrsa eine junge Frau in Wut, die innerlich mächtig auf Krawall gebürstet ist. Als Doktorandin der Soziologie kommt sie zwar fachlich erfolgreich voran, spürt jedoch eine wabernde innere Leere und eine fulminante Frustration.Dass sie als Woman of Colour noch mehr mit den Chaubinisten im Universitätsbetrieb von Cambridge hadert als andere Studentinnen. Erklärt einiges. Doch wenn sich nach und nach mehr von ihrer Biografie enthüllt, gibt es noch mehr Prägungen auch aus der sehr katholischen, aus der Karibik stammenden Familie. Und es sei gewarnt: dies ist nicht nur ein feministisch gefärbter Campus-Roman, er bedient sich eienr sehr jungen rabiaten Sprache, die auch intimste Dinge explizit beim Namen nennt. Zumal wenn dann Kommilitonin Nina als heulendes Elend eine besonders grimmige Wut bei Yrsa entfacht.Nina hat sich auf den deutlich älteren Professor Richardson eingelassen, ihren Mentor. Erst hat er ihr große Liebe vorgegaukelt und sie jetzt wegen Frau und Kindern abserviert. Eine Geschichte, die in Yrsa grimmig empfundener Monotonie ein Feuerchen der Lebendigkeit entfacht. Und sehr bald kommt sie mit dem selbstgefälligen Richardson in ein unbeobachtetes Sommersonnenscheingespräch. Bei dem ihr ein Akt der Genugtuung gelingt, als er durch sein handy abgelenkt ist: „Die Biene fand den Weg ganz allein zur Limonade.“ Da muss Yrsa sein qualvolles Sterben nur ein wenig anstupsen und – empfindet nach ihren Fehlversuchen als Ersthelferin eine satte Befriedigung.Um so leichter fällt ihr die Beihilfe zum nächsten Todesfall, bei dem Ex-Lover Hugh nach heiklen Bemerkungen über ihren einstigen gemeinsamen Sex vom Dach der Universitätsbibliothek stürzt. Und die so unschuldige Zeugin staunt: „Zu töten und davonzukommen. Etwas daran ist spektakulär.“ Und sie wird immer radikaler und Ethik und Moral spielen auch weiterhin keine Rolle, wenn ihr weitere Männer zum Opfer fallen. Wobei sich die Gier auf den Lustgewinn daraus allmählich zur Obsession steigert.Diese Yrsa ist so grob und ungestüm wie der gesamte unversöhnliche Roman. Da wird nichts erklärt oder gar entschuldigt und Sympathie für Yrsa – sie bittet nicht darum und es entsteht auch keine. So viel weibliche Wut kann durchaus verstören, jedenfalls bietet sie kein Wohlfühllesen.
# Imani Thompson: Honey (aus dem Englischen von Asal Dardan); 413 Seiten; Rowohlt Hundert Augen. Hamburg;€ 25 WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)