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INKEN WITT: „UND WIR VERSPRACHEN UNS EIN MORGEN“
Sören weiß, dass seine Tage gezählt sind, nun denkt er an ganz früher zurück. 1923 in einer Herbstnacht geboren, seine Mutter dabei gestorben, der Vater ein streng freudenfeindlicher Pastor. Doch da war auch der wenig jüngere Claus, sein bester Freund und Bruder.Mit diesem Prolog beginnt Inken Witt ihren jüngsten Roman unter dem Titel „Und wir versprachen uns ein Morgen“. Das ist ein Liebesroman, doch ein ganz besonderer, ebenso komplex wie tiefgründig und berührend. Und die versierte Drehbuchautorin versteht es, das Geschehen spannend und bis zuletzt geheimnisvoll zu halten. Das gelingt ihr mit einer exzellenten Dramaturgie, bei der die Perspektiven und die Zeitebenen immer wieder wechseln. Da lernt man anfangs Jesca kennen, die jetzt im März 2020 bereits seit Jahren für eine Kölner Entrümpelungsfirma arbeitet. Wobei sich das Kennenlernen hinzieht, denn sie ist verschlossen und spröde.So lässt sie auch all die Erinnerungen, die die endlosen Briefe, Tagebücher, Fotos und besonders die Feldpost in den alten Umzugskartons normalerweise nicht wirklich an sich heran, sortiert sie nach Müll und Flohmarktware. Bis zu diesem einen Karton mit Briefen und Utensilien einer kurzen innigen Liebe von 1944, die der Krieg dann beendete. Vor allem aber ist ein ein offenbar wertvoller Diamantring in einem Stoffsäckchen, der sie unerwartet emotional berührt, und das hat nichts mit seinem vermutlich hohen Geldwert zu tun. Die Eigenbrötlerin nimmt ihn an sich und tastet sich gebannt vor in den Briefen von Marie und Claus von Wilken, die Ende 1944 edine ganz kurze intensive Liebe erleben.Wovon in mitreißenden Kapiteln erzählt wird. Von ihren Gefühlen, aber auch den vorgegebenen Fallstricken, denn eine Landarbeiterin und der Sohn vom alteingesessenen Gutshof, das geht gar nicht. Und führt zu schicksalhaften Wendungen, als Claus ihr dennoch mit dem Diamantring aus Familienbesitz einen Heiratsantrag macht. Wobei Claus' bester Freund – und als Soldat auch Kamerad in derselben Kompanie an der Ostfront – Sören all die üblen Ereignisse miterlebt und später als mitfühlender Zeuge schildert.Zwischendurch ist Jescas Geheimnis vom Ring entdeckt worden von Richard, der ebenfalls auf dem Betriebshof der Firma arbeitet. Er hat sein eigenes dunkles Geheimnis, denn er steht unter Bewährung. Der Einzelgänger hat als Boxer jemanden getötet und ist nur mit Glück nicht als Totschläger verurteilt worden. Aber auch er hat noch viel stärkere Nuancen als die beim ersten Auftauchen. Wie er und Jesca dann jedoch einander näherkommen und der Geschichte des Rings nachgehen, führt zu einem entscheidenden Angelpunkt der Liebesgeschichte von einst, denn sie finden zu dem fast hundertjährigen Sören in einem Pflegeheim.Der erzählt von dem Drama um Marie und Claus, aber auch von der eigenen Hölle, die er durchleiden musste. In diesen Zeiten und dann bei einem solchen Jammertal-Prediger von Vater sorgte seine Homosexualität für ein Martyrium. Wie er trotzdem seine tiefe Liebe zu Claus auch Marie in schlimmen Zeiten zugute kommen lässt, das bewegt zutiefst. Und gerade er als Ich-Erzähler ist dabei eine höchst beeindruckende Persönlichkeit. Doch ohnehin machen gerade die Charakterzeichnungen die besondere Größe und Eindringlichkeit dieses meisterhaft verwobenen Romans aus.Der dabei nicht nur auf souveräne Weise eine lange nachhallende Liebesgeschichte erzählt, sondern gewissermaßen nebenher auch noch als Antikriegsroman wirkt.
# Inken Witt: Und wir versprachen uns ein Morgen; 382 Seiten; Piper Verlag, München; € 22WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)