
JENNETTE McCURDY: „HALF HIS AGE“
Waldo ist eine 17-jährige Schülerin in Anchorage, Alaska, die voller Selbstzweifel ist. Und beherrscht von einer Mischung aus Liebeshunger und Wut.
Diese Waldo ist die Ich-Erzählerin des Debütromans von Jennette McCurdy. Die hatte mit dem wüsten Memoir „I'm glad my Mom died“ vor einigen Jahren einen durchschlagenden Erfolg. Noch unverblümter eröffnet die Autorin nun das neue Werk mit einer deftigen Sex-Szene.
Allerdings führt sich der Schulkamerad Randy ähnlich stümperhaft auf wie seine drei Vorgänger. „Fühlt sich plump an und oberflächlich.“ Dabei ist Waldo so gierig bis notgeil vor innerer Leere und der Sehnsucht nach Zuwendung.
Die es offenbar nur über das sexuelle Begehren eines Mannes geben kann. Um so heftiger trifft sie das sofortige überwältigende Verlangen bis in den Unterleib, als sich der Lehrer Mr. Korgy der Klasse vorstellt. Mit Worten, die sie umhauen, denn er bezeichnet sich offen als Versager.
Für den Romanschriftsteller habe es nicht gereicht, deshalb habe er die Sicherheit des Schuljobs gesucht. Und Waldo erkennt sehr wohl, dass das gute Aussehen des 40-Jährigen längst im Verblühen ist. Aber: „Jetzt sind nur noch seine tiefgründigen Augen und das charmante Lächeln übrig.“
Waldo fühlt sich bis unwiderstehlich angezogen. So ist sie es auch, die ihn schon recht bald so intensiv und ungehemmt verführt, dass es zum heimlichen ungestümen Sex kommt. Und der wird immer hitziger und sehr explizit bis hin zu unappetitlichen Details geschildert.
„Ich bin nicht schwer rumzukriegen“, bekennt Waldo sarkastisch und was dieses höchst ungleiche Pärchen da in oft unmöglichen Situationen treibt, ist alles andere als Blümchen-Sex. Doch auch sonst ist diese Beziehung von Waldos impulsiver Direktheit ebenso geprägt wie von ihrer Verletzlichkeit.
Bei ihrer alleinerziehenden Mutter findet sie ohnehin keinen Halt. Stattdessen muss sie nicht zuletzt mit ihrem Nebenjob als Dessous-Verkäuferin dafür sorgen, das der sehr bescheidene Haushalt halbwegs klappt, denn Mutter ist ebenso liebeshungrig wie sie mit ständig wechselnden Partnern.
Waldos Achterbahn mit dem narzisstischen bekennenden Versager, der sich immer nur stundenweise den sexuellen Ausschweifungen mit ihr widmen kann, weil er Frau und Kind hat, bleibt aufregend und vulgär. Und ihre Befriedigung hat etwas Unvollkommenes und ist ganz wesentlich aufs Sexuelle beschränkt.
Dann aber gibt es nach Monaten einschließlich einer besonders abstrusen Szene eine Wende: Mr. Korgy trennt sich tatsächlich von seiner Frau. Und der ganzen schwitzigen Affäre geht irgendwie die Luft aus. Die tiefsitzende Wut mag abgeebbt sein, Leere und Einsamkeit nicht.
Eines jedoch ist diese Heldin eines geradezu grotesken Sex-Romans um eine liebeshungrige junge Frau nicht: ein Opfer. Das alles ist hitzig und explizit geschrieben, das aber gekonnt. Und vermutlich eher etwas für ganz junge weibliche Leser.
# Jennette McCurdy: Half his Age (aus dem Amerikanischen von Olivia Kuderewski); 326 Seiten; Blumenbar Verlag, Berlin; € 24
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)