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JO NESBO: „MINNESOTA“
Aus Oslo angereist, will der Schriftsteller Holger Rudi im Herbst 2022 in Minneapolis im US-Staat Minnesota für sein neues Buch über einen Rachemörder aus dem Jahr 2016 recherchieren.
Das wird nun die Rahmenhandlung für Jo Nesbos jüngsten Krimi mit dem schlichten Titel „Minnesota“. Der springt nun zwischen den Zeitebenen von Recherche und Tatzeitraum hin und her. Vor allem dieser Herbst 2016 hat in dieser Phase breiten Raum und setzt mit dem ersten Anschlag ein.
Exakt erzählt wird, wie der Killer mit dem M24-Gewehr aus dem 6. Stock – und zwar aus seiner eigenen Wohnung! - mit Dante genau den illegalen Waffenhändler abknallt, von dem er die Präzisionswaffe erworben hat. Dass sehr schnell Bob Oz vom Minneapolis Police Department MPD dort erscheint, wo Dante in seinem Blut liegt, hat den einfachen Grund, dass er gerade privat in der Nähe war.
Um nun festzustellen, dass Dankte nur schwer verletzt ist. Weshalb es mangels vollendetem Mord auch nicht zwingend ein Fall für die Mordkommission ist. Wo Oz einen schweren Stand hat, denn er steht wegen „fehlender Impulskrontrolle“ unter Beobachtung. Ohnehin gilt er mit seinem Kamelhaarmantel und seiner Abneigung des das Tragen eine Dienstwaffe als Außenseiter.
In seiner Charakterisierung erscheint der Mittvierziger als guter Ermittler aber ziemlich Kotzbrocken. Allerdings trägt er auch schwer an der Trennung von seiner Frau, die ihm vorwirft, schuld am Tod der kleinen Tochter vor drei Jahr gewesen zu sein.
Ähnliche Traumata aber quälen auch den Killer und der plant seine Taten auch nicht aus blanker Bösartigkeit sondern als Rachefeldzug gegen Drogenbosse und Waffenhändler in seiner Stadt.
Doch es gelingt ihm nicht nur eine weiterer Coup mit dem Abschuss eines Waffenlobbyisten, er spielt auch ein raffiniertes Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. Vor allem Detective Kay Myers ist schier verzweifelt, wenn der Zugriff einmal mehr ins Leere geht, während Kollege Oz seltsame Verhaltensmuster zu erkennen glaubt: „Als bettele er förmlich darum, gefasst zu werden.“
Und dann hat er eine vielversprechende Spur, den Tierpräparator Gomez. Als Leser aber schaut man auch in den Kopf des Täters – ohne seine wahre Identität zu erkennen – und dessen Motiv sind Traumata ähnlich denen von Bob Oz.
Doch fast nichts in diesem rasanten Krimi ist ganz so, wie es scheint. Der Bestsellerautor spielt mit den Erwartungen und überrascht ein ums andere Mal mit seinen Wendungen und dunklen Geheimnissen. Und dann ist da die Spur einer Wolfs-Tätowierung...
Geschickt lässt Jo Nesbo auch einiges an Zeitkolorit einfließen, wenn da die unwahrscheinliche Wahl Donald Trumps im Herbst 2016 noch bevorsteht oder wenn die Stimmung in der Metropole am Mississippi nach Corona-Pandemie und dem Polizeimord an George Floyd genau in dieser Stadt noch immer für eine allseits gedämpfte Stimmung sorgt.
Das Geschehen gipfelt in einem packenden Finale und dem Plan des Rächers, den Bürgermeister abzuschießen, wenn der eine Rede pro NRA (National Rifle Association) halten will. Wobei einmal mehr die scharfe Kritik des Autors am Waffenwahn in den USA deutlich einfließt.
Fazit: ein starker, bis zuletzt fesselnder Krimi des Meisters der dunklen Spannungsliteratur.


# Jo Nesbo: Minnesota (aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob); 407 Seiten; Ullstein Verlag, Berlin;
€ 24,99 WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)