- Geschrieben von: Wolfgang A. Niemann
- Kategorie: Belletristik (Roman/Krimi)
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JOHN GRISHAM: „DAS VERMÄCHTNIS“
Simon Latch ist als Anwalt allenfalls Mittelmaß, aber kein schlechter Mensch. Um so fassungsloser ist er, als er unschuldig vor Gericht kommt und tatsächlich als Mörder verurteilt wird.
Der Anwalt, das sich mit unbedeutenden Rechtsgeschäften nur mühsam über Wasser hält, steht im Mittelpunkt von John Grishams jüngstem Roman „Das Vermächtnis“. Und der US-Erfolgsautor lässt sich Zeit mit seiner Geschichte, indem er diesen 42-jährigen Juristen ausführlich mit seinem Alltag vorstellt.
Zu dem gehört die Ehe, die vor dem scheitern steht sowie seine schwer zu bezähmende Leidenschaft für Sportwetten, der er in einem nahen Club nachgeht. Seit 19 Jahren lebt er in diesem Kleinstadt-Kosmos von Braxton, Virginia, und die Zukunft sieht recht grau aus.
Doch dann erscheint Eleanor Barnett bei ihm, 85 Jahre alt und seit langem Witwe. Da sie nur zwei misssratene Stiefsöhne hat, mit denen kaum Kontakt besteht, will sie nun ein Testament aufsetzen, um ihren Nachlass in vernünftige Hände und keinesfalls in die von diesen Clyde und Jerry kommen.
Für Simon ein ganz normaler Fall für die üblichen 250 Dollar Gebühr. Bis die freundliche „Netty“ durchblicken lässt, dass sie zwar in einem schuldenfreien Haus wohne und recht bescheiden lebe, ihr Verstorbener aber ein beträchtliches Aktienpaket – Coca Cola und Walmart! – angehäuft hatte.
Alles deutet auf ein massives Vermögen hin und Simon gesteht sich das sofortige Aufflammen von Gier ein. Als er dann von ihr hört, sie habe bereits ein Testament bei seinem Kollegen von gegenüber gemacht, hat Simon zwar Bedenken, will sich diese einmalige Chance ganz großer Gebühreneinnahmen nicht entgehen lassen.
Als er für Netty dann auch noch herausfindet, dass der Kollege eine infame, standeswidrige Klausel zur Selbstbereicherung eingebaut hat, will sie Simon unbedingt als ihren festen Anwalt haben. Der hofiert sie ausgiebig und sie lässt sich immer wieder von ihm in Restaurants einladen, Gebührenzahlungen unterlässt sie allerdings erst einmal.
Was Simon aber umtreibt, ist das tatsächliche Vermögen Nettys, denn konkrete Angaben behält sie ihm vor und seine Nachforschungen gestalten sich schwierig. Andererseits scheint zu zuweilen ein wenig verwirrt zu sein und vor allem eine lausige Autofahrerin mit etlichen Verkehrsdelikten.
Und dann baut sie einen schweren Unfall, wegen dem sie nun ins Krankenhaus muss. Einerseits findet Simon Informationen, die ein Vermögen von gut 16 Millionen Dollar vermuten lassen, andererseits kümmert er sich rührend um sie und eilt ständig an ihr Krankenbett, obwohl ihre Verletzungen nicht gravierend sind.
Bis es plötzlich steil bergab mit ihr geht und eine Lungenentzündung sie so ins Koma bringt, dass die Ärzte ein Abstellen der Geräte empfehlen. Dem Simon schließlich schweren Herzens zustimmt. Und auch, als er gleich danach mangels Angehörigen die baldige Einäscherung in Auftrag gibt, schreitet der Roman noch in eher behäbigem Tempo voran.
Dann aber geht ein anonymer Anruf ein, dass mit dem Tod etwas faul sei und der untersucht werden sollte. Und damit wird es nicht nur sehr ungemütlich für den gebeutelten Anwalt – nun geht voll die Post ab und es wird rasant und immer spannender.
Habgieriger Anwalt ermordet reiche Mandantin, stehen die Vorverurteilungen ebenso schnell fest wie Simons Verhaftung. Mit Thallium soll der Ingwer-Kekse versetzt haben, die er ihr ans Krankenbett brachte – deshalb auch der eilige Wunsch nach ihrer Einäscherung.
Und nun entfaltet sich auch die berühmte besondere Meisterschaft Grishams: das Gerichtsverfahren. Für das Simon in seinem Unglück der einzige Glücksgriff gelingt, als er mit Raymond Lassiter den besten Strafverteidiger Virginias für seinen Prozess gewinnen kann.
Um so fassungsloser sind Beide, als das Urteil nach heftigem Schlagabtausch dennoch „schuldig“ lautet. Doch Simon kämpft um seine Freiheit und da er – im US-Justizsystem ist so etwas möglich – unter hohen Auflagen nicht sofort in den Knast muss, setzt er alle Hebel n Bewegung, um den wahren Mörder zu ermitteln.
Das steigert sich zu einem mitreißenden Finale und John Grisham erweist sich einmal mehr als ein Meister, der die Leser bis zuletzt mit exzellenten Charakteren und raffinierten Wendungen zu fesseln versteht. Fazit: ein intelligenter Hochgenuss der Spannungsliteratur.
# John Grisham: Das Vermächtnis (aus dem Amerikanischen von Imke Walsh-Araya und Bea Reiter); 476 Seiten; Heyne Verlag, München; € 24
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)
