KATRIN de VRIES: „DIE KLEINSTE GRÖßTE WELT“
Katrin de Vries wurde 1959 in Ostfriesland geboren. Dort spielt auch der Debütroman der Autorin und er geht zurück in die Zeit ihrer Kindheit, als diese Region Deutschlands noch irgendwie abgeschieden und in vielem auch ärmlich und rückständig war.„Die kleinste größte Welt“ lautet der Titel und so stellt sich für die wortkargen Menschen in dem Dorf nahe der niederländischen Grenze ihr Umzu dar. Es ist Sommer hinterm Deich , als Greta geboren wird. Ihre Mutter Lieske ist erst 17 Jahre alt und seit einem Monat verheiratet. Als Landarbeitertochter hat sie ohnehin keinen leichten Stand, denn der junge Kindsvater ist immerhin der Junior im elterlichen Malerbetrieb mit angeschlossenem Deko-Geschäft. Dieser Dünkel trifft dann auch die Kleine, die Wärme und Geborgenheit in den nächsten Jahren nur bei den liebevollen Großeltern finden wird. Lieske hingegen arbeitet mit im Geschäft der Schwiegereltern und erweist sich als sehr geschickte Verkäuferin, auch wenn das wenig Würdigung findet. Greta aber erlebt schöne Zeiten im Landarbeiterhaus, wo vor allem der Opa viel mir ihr unternimmt.In einem zweiten Erzählstrang kommt währenddessen Dorfhebamme Geeske Diddens zu Wort, die auch Gretas Entbindung vornahm. Vor allem mit ihrer Kollegin und Freundin Käthe tauscht sie sich über das beschauliche Dorfgeschehen aus.  Sie haben ja Einblick in die meisten Familien hier und dann gibt es besonderen Gesprächsstoff, wenn zum Beispiel die alte Jungfer Renate – mit Mitte 30 noch unverheiratet – nun doch noch eine Ehe eingeht. Sie gibt einem frischgebackenen Witwer mit vier kleinen Kindern das Ja-Wort.Erzählt wird das alles sehr verhalten, beinahe lakonisch und ohne jeden Schnörkel. Ostfriesisch eben. Begleitet aber werden die Kinderjahre Gretas jetzt zu Beginn der 60er Jahre von unübersehbaren Veränderungen in so vielem. Da werden Dorfstraßen geteert und manche Männer fahren mit dem Moped oder sogar einem Auto. Und während technische Errungenschaften wie Fernseher, Kühlschränke und Waschmaschinen Einzug in die meist bescheidenen haushalte halten, bringt der Fortschritt auch für die Hebammen mit sich. Da richten die Krankenhäuser Entbindungsstationen ein und die Pille sorgt für einen Rückgang der Geburtszahlen.Das alles wirkt gerade in seiner Wortkargheit mit einfachen Sätzen und mit seiner Langsamkeit sehr autehntisch, allerdings zuweilen auch etwas betulich. Fazit: geboten wird ein realistisches Bild der frühen 60er in der damaligen Abgeschiedenheit Ostfrieslands, das für manche Leser aber vielleicht etwas zu unaufgeregt ist.
# Katrin de Vries: Die kleinste größte Welt; 253 Seiten; dtv Verlag, München; € 24WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)