- Geschrieben von: Wolfgang A. Niemann
- Kategorie: Belletristik (Roman/Krimi)
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LIANE MORIARTY: „VORSEHUNG“
Man stelle sich vor, man sitzt in einem Passagierflugzeug für einen kaum zweistündigen Flug von Hobart nach Sydney, doch der Start verzögert sich aus technischen Gründen um satte 92 Minuten. Da ist die Stimmung ohnehin gereizt und dann ist da diese Dame.
Elegant wird sie beschrieben durch all das, was sie nicht ist. Womit zugleich etliche andere Passagiere um so genauer charakterisiert werden. Und dann die eher unscheinbare etwa 60-Jährige auf, zählt bis drei und beginnt mit ihren Vorhersagen von Todesursachen und Lebenswertungen eines jeden.
Damit beginnt „Vorsehung“, der jüngste Roman der australischen Erfolgsautorin Liane Moriarty. Ein Sitznachbar mit Laptop, um die 50, ist der Erste, den sie anspricht und mit knappen Worten mitteilt: „Ich erwarte einen verheerenden Schlaganfall. 72 Jahre.“
Unbeirrt durch jegliche Reaktionen macht die Same so weiter und Bauingenieur Leopold Vodnik kapiert bald: „Sie stellt keine Diagnosen, sie prophezeit.“ Bei ihm nennt sie einen Arbeitsunfall mit 43 als Todesursache. Und obwohl er im kommenden November 43 wird, nimmt er das so ernst wie die Ansagen eines Glückskekses.
Obwohl – so einen ganz kleinen Stromstoß versetzt es ihm schon. Wogegen bei anderen weitaus heftigere Ausschläge die Folge sind und sich Verwirrung und Verunsicherung ausbreiten. Aber auch Bestürzung und Empörung.
Wenn die von niemandem Gebremste da einer frisch Vermählten – noch im Brautkleid – prophezeit, sie werde mit 25 von ihrem Partner umgebracht werden. Oder einer jungen Mutter zwar für ihre Tochter ein langes Leben voraussagt, der Junge im Babyalter dagegen werde mit sieben beim Schwimmen umkommen.
Dann auf einmal ist auch ihre stimme als Ich-Erzählerin zu vernehmen: „Irgendetwas stimmte nicht mit mir an jenem Tag. Aber ich denke, das wissen Sie bereits.“ Während Cherry Lockwood, so ihr später herausgefundener Name, allmählich in immer größeren Einschüben die eigene interessante Lebensgeschichte ausbreitet, versuchen die Passagiere ihre Vorhersagen zu verarbeiten.
Manche ignorieren sie einfach, die meisten versuchen, sie als wirres Zeug einer alten Dame zu verdrängen. Aber – es sitzt in den Köpfen wie ein Virus. Und dann geht es in die Medien und noch schlimmer. Es gibt erste Todesfälle...
Es sei hier jedoch nur noch verraten, dass Cherry Lookwood die Tochter einer einst bekannten Wahrsagerin war, dies jedoch weder ein Roman über Spökenkiekerei noch ein Krimi ist. Die weitere Entwicklung der einzelnen Lebensläufe fesselt aber ebenso wie das vermeintliche magische Geheimnisse der „Todesdame“.
„Vorsehung“ punktet mit der Fülle seiner meist hervorragend gezeichneten Charaktere und hallt schon wegen der unvermeidlichen Frage nach, wie man selbst mit einer derartigen Prophezeiung umgehen würde. Fazit: ein großes eigenwilliges Lesevergnügen und auf jeden Fall ganz und gar filmreif.
# Liane Moriarty: Vorsehung (aus dem Englischen von Alice Jakubeit); 503 Seiten; Droemer Verlag, München;
€ 23 WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)
