- Geschrieben von: Wolfgang A. Niemann
- Kategorie: Belletristik (Roman/Krimi)
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LUKAS RIETZSCHEL: „SANDITZ“
Kaum jemand vermag es derzeit, so authentisch und zugleich fesselnd über den Osten Deutschlands zu schreiben, wie Lukas Rietzschel. Sei es aus der späten DDR, sei es aus der nahen Vergangenheit.
Seinen mittlerweile dritten Roman siedelt er in der fitkiven Kleinstadt Sanditz an und „Sanditz“ lautet auch der Titel. Im Mittelpunkt stehen die Familien Wenzel und Moschnick und ihr ganz normales und doch so prägnantes Leben, erst in der Zeit vom Advent 2021 bis Frühsommer 2022, dann im Rückblick auf die Jahre von 1978 bis 2001.
Einst mussten sie dem Braunkohlentagebau hier in der Lausitz weichen, doch die Obrigkeit versprach hinreichend Ersatz: „Vier flache Häuser an einer einer Straße, das war die Entschädigung.“ Hier leben jetzt Roland und Marion Moschnick.
Und es steht Weihnachten vor der Tür, doch Sohn Tom ist ausgeschlossen von der Familienfeier, denn ausgerechnet der Polizist hat sich als Impfgegner der Corona-Impfung verweigert. Er empfindet ja schon das Tragen einer Maske als unzumutbaren Zwang. Um so verrückter, dass gerade er später im Roman als Freiwilliger in die Ukraine und dort an die Front geht.
Doch das Geschehen springt in perfekter Dramaturgie zwischen den Zeitebenen und da spielt anfangs noch Opa Norbert Wenzel eine wichtige Rolle in der Kirchengemeinde mit ihren Umtrieben gegen die Staatsmacht. Als Orgelbauer genießt er Reisefreiheit und immer wieder nutzt er die, um verbotenes Schrifttum einzuschmuggeln, das in der Kirche dann kopiert wird.
Beleuchten diese und andere Schilderungen die Zeit vor dem Mauerbau, wird es 1983 eher privat, denn Marion Wenzel sucht einen Vater für das kommende Kind. Sie spricht die Freunde Roland und Achim an, on sie zu einer formwahrenden Eheschließung bereit wären.
Tatsächlich wird Roland Moschnick so der offizielle Vater der Zwillinge Maria und Tom, obwohl er in Wirklichkeit Achim liebt. Für den er Jahrzehnte später sogar zum rührenden Sterbebegleiter wird.
Marions Bruder Dirk wiederum erhält diskrete Unterstützung von seinen Kirchenfreunden, um bei der Einberufung zur Nationalen Volksarmee ein sogenannter „Bausoldat“ werden zu können – also mit Dienst ohne Waffe.
Der Widerstand in der Dorfgemeinschaft, die Holprigkeiten der Wende und die Enttäuschungen der Nachwendezeit werden eindrucksvoll und überzeugend romanhaft dargestellt. Bis hin zu Marias Abwandern in den Westen, wo sie als angehende Journalistin erstmals eine Anmache als „Ossi“ erlebt.
Doch sie geht ebenso pragmatisch damit um wie daheim seit jeher die Frauen mit Widrigkeiten der vor- und nach-sozialistischen Realität. Vieles, was zu DDR-Zeiten einfach nur kompliziert war, ist jetzt alltäglich und oft genug auch enttäuschend.
Das ist pur und echt und hier stimmt einfach alles von den Charakteren bis hin zu ihrem Handeln und den lebensnahen Dialogen. Das trifft bis auf sämtliche Protagonisten zu, die ebenfalls immer wieder für spannende Momente sorgen bis hin zu „Marmeladen-Pfarrerin“ oder Toms Szenen im ukrainischen Grabenkrieg.
Fazit: ein Meisterwerk von einem unsentimentalen authentischen Heimatroman – als sei das alles dem realen Leben abgeguckt.
# Lukas Rietzschel: Sanditz; 479 Seiten; dtv Verlag, München; € 26
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)
