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MAGGIE STIEFVATER: „GRAND HOTEL AVALON“
„Kam man aus einem anderen Leben, war das Avalon eine religiöse Erfahrung.“ Dieses Haus in den Hügeln von West Virginia war das luxuriöseste Hotel mindestens in Amerika. Und dann wird es plötzlich von der US-Regierung beschlagnahmt und alles ändert sich dramatisch.
Das ist die Grundidee von „Grand Hotel Avalon“, dem ersten belletristischen Roman von Maggie Stiefvater, die ansonsten bisher mit ihren Fantasiegeschichten für Jugendliche preisgekrönte Erfolge feierte. Hier nun geht sie in den Januar 1942 und stellt erst einmal geradezu genießerisch den großzügig ausgebreiteten Herbergen-Komplex vor.
Der Luxus kennt keine Grenzen und Prinzip ist, die Wünsche der betuchten Gäste noch vor denen selbst zu erkennen und zu erfüllen. Für die 420 Zimmer und Suiten stehen 450 Angestellte in Diensten, die auch die 21 Cottages und sieben Hütten umsorgen.
Das „Avalon“ hat im Übrigen eine berühmte und eine diskrete Besonderheit, die das Extra ausmachen. Da ist zum Einen das sogenannte Süßwasser, eine Heilwasserquelle, deren nicht sonderlich angenehm duftendes Wasser gegen alle möglichen gesundheitlichen Beschwerden hilft und in vier Badehäusern und unzähligen Brunnen im Komplex eine ganz spezielle Magie ausübt.
Die andere Besonderheit ist die Chefin des „Avalon“, die erst 35jährige June Porter Hudson, ein charismatisches Genie an Führungspersönlichkeit. Von ihren Mitarbeitern ebenso vertraulich wie respektvoll nur „Hoss“ genannt, hatte die von hier aus der Provinz stammende Außenseiterin einst der kürzlich verstorbene Hotel-Patriarch Francis Gilfoyle als seine Favoritin gefördert.
Und nun dieser 25. Januar 1942, der alles ändern sollte, als das schillernde Refugium per Dekret des US-Präsidenten persönlich für Regierungszwecke requiriert wurde. Am 7. Dezember 1941 hatte die Japaner Pearl Harbour überfallen und plötzlich befand sich das Land im Krieg mit dem Kaiserreich und seinen Verbündeten, den europäischen Achsenmächten.
Schlagartig wurden deren Diplomaten festgesetzt und sie sollten erst in einer Art Geiselarithmetik gegen die in den Feindländern festgesetzten US-Diplomaten freigegeben werden. Für das „Avalon“ bedeutet das nun: alle aktuellen Gäste müssen sofort weichen, um Platz für die 300 Internierten zu machen.
Aus dem bisher schon faszinierenden Erzählen über die Luxus-Herberge wird nun eine spektakuläre Geschichte, in der Hoss zur Hochform aufläuft. Unversehens ein Hotel voller Nazis und anderer Feinde, Special Agent Tucker Rye Minnick mit seinen FBI-Leuten als inoffizielle Herrscher – und Lauscher! - sowie Benjamin Pennybacker vom State Department als Dirigent der Regierung.
Die Herausforderungen, die sich jetzt auftürmen, sind gewaltig und erfordern viel Geschick, insbesondere von Hoss. Die scheint einerseits allgegenwärtig zu sein, andererseits wird ihre Cleverness nicht nur immer wieder von Spannung zwischen Personal, FBI und den speziellen Gästen strapaziert.
Die sind eine ausgesprochen heterogene Gesellschaft mit Disharmonien zwischen den Landesgruppen, aber auch untereinander. Nicht jeder ist als SS-Angehöriger oder Gestapo-Scherge erkennbar und nicht alle möchten wirklich in die Heimat angeschoben werden.
Insbesondere ist da die zehnjährige Hannelore, Tochter von Handelsattaché Wolf. Das Mädchen ist offensichtlich Autistin, hat noch nie gesprochen, sing aber zuweilen. Sie ist eine scharfe Beobachterin, die alles genau vermerkt, doch zumindest ihrer Mutter ist klar, dass sie in Nazi-Deutschland umgehend ein Fall für die Euthanasie wäre.
Es brodelt allenthalben und mittendrin bebt im Hintergrund das Beziehungsgeflecht zwischen Hoss, dem charmanten Hotelerben Edgar Gilfoyle und dem bissigen FBI. Mann Minnick. - Der breite Erzählstrom fesselt dabei trotz seines schwelgerischen Detailreichtums ebenso magisch wie souverän.
Und wenn dann das Ende der Internierung naht, wird es immer spannender mit einigen herben Überraschungen. Bis zuletzt überzeugen dabei vor allem auch die Charakterzeichnungen und das Agieren des Personals im luxuriösesten aller Hotels – das sich auch diesen feindlichen Gästen gegenüber seines Rufes angemessen verhält.
Autorin Maggie Stiefvater ist im Übrigen studierte Historikerin und weist auf der Grundlage ihrer intensiven Recherchen darauf hin, dass derartige Hotel-Internierungen auf gehobenem Niveau tatsächlich stattgefunden haben. Und wer da zweifelt, ob die Geschehnisse im „Avalon“ realistisch dargestellt sind: die historischen Vorbilder sollen eher noch bewegter gewesen sein.
Fazit: ein grandioses Stück Spannungsliteratur vor realen Hintergrund und auf jeden Fall auch als Vorlage für eine ganz großen Hollywood-Film bestens geeignet.


# Maggie Stiefvater: Grand Hotel Avalon (aus dem Amerikanischen von Sabine Hübner), 430 Seiten; S. Fischer Verlag, Frankfurt; € 25
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)