0083coutoMIA COUTO: „DER BLINDE FLUSS“
Mia Couto ist Sohn portugiesischer Einwanderer nach Mosambik und der vielfach preisgekrönte Autor bezeichnet sich selbst als weißer Afrikaner, Entsprechend sind auch seine zahlreichen Romane auf afrikanische Themen ausgerichtet.Wie sein jüngster unter dem Titel „Der blinde Fluss“. Und es ist der Rovuma, der Grenzfluss zwischen den heute selbständigen Staaten Mosambik und Tansania. Der Roman setzt am 24. August 1914 ein, als das Nordufer zu Deutsch-Afrika und das südliche zu Portugiesisch-Afrika gehörte. In einer Vorbemerkung stellt der Autor klar, dass die Geschichte von realen Ereignissen und Personen inspiriert wurde. Allerdings spielen auch die Nachwirkungen des historischen Maji-Maji-Aufstandes von 1905 bis 1907 eine gewichtige Rolle, in dem der deutschen Kolonialmacht bis zu 300.000 afrikanische Menschen jeden Alters zum Opfer fielen.Hier jedoch steht an diesem Augusttag der Militärposten Madziwa im Mittelpunkt. Als dort im Morgengrauen ein Kanu mit dem deutschen Arzt Hadrian Schreiber und einigen Askaris – alle in Uniform – naht, läuft ihnen der portugiesische Feldwebel zur Begrüßung entgegen. Schreiber aber zieht eine Pistole und schießt den Nichtsahnenden nieder.Dessen einheimischer Sipaio Nathaniel überlebt den feigen Anschlag nur durch die Fügung, dass der Sterbende auf ihn stürzt und ihn unter sich begräbt. Hatte er sich bis dahin noch auf die Deutschen gefreut in der Hoffnung, sie würden die portugiesischen und britischen Kolonialherren ebenso vertreiben wie die afrikanischen Sklavenhändler, muss er jetzt erleben, dass diese Deutschen als Raubmörder gekommen sind und hernach schnell wieder verschwinden.Damit eröffnet sich eine komplexe, von vielen Stimmen aus wechselnden Perspektiven erzählte Geschichte und das Besondere an ihr ist, dass sie sich aus ostafrikanischer Sicht entfaltet. Immer wieder vermischen sich dabei in der entsprechenden Erzählweise Realität, Fiktion und Vorstellungen ganz nach Art des magischen Realismus. Es wird auch die Geschichte einer Rache mit einem genialen literarischen Kniff: die Macht der europäischen Kolonialherren schwindet, indem die Schrift auf ihren Karten verschwindet. Ohne die Sprache der Herrscher keine festgeschriebene Macht.Und immer wieder der Rovuma als Widerspruch gegen die koloniale Ordnung und Grenzziehung. Er kennt keine Nationalitäten, er fließt einfach. Er lässt sich nicht besitzen. Inmitten all der Gegensätze, die hier unvereinbar aufeinanderprallen. Ein ungewöhnlicher Roman mit großem Bilderreichtum und einer sehr eigenen, afrikanischen Sprache, in deren Diktion man sich einlesen muss, um von ihr berührt und bezaubert zu werden.
# Mia Couto: Der blinde Fluss (aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita); 246 Seiten; Unionsverlag, Zürich; € 24

WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)