- Geschrieben von: Wolfgang A. Niemann
- Kategorie: Belletristik (Roman/Krimi)
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NAVA EBRAHIMI: „UND FEDERN ÜBERALL“
Als die deutsch-iranische Schriftstellerin Roshi aus Köln in der Kleinstadt Lasseren im tiefsten Emsland ankommt, lässt die Winterstimmung den Ort noch öder erscheinen, als er ohnehin ist.
Mit ihrer Ankunft beginnt Nava Ebrahimis neuer Roman „Und überall Federn“. Aus dem Leben von einer Handvoll Menschen macht die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin von 2021 einen präzisen Gesellschaftsroman mit der Grundfrage. Wie bleiben wir menschlich, wenn das Leben immer härter wird?
Das ist es allerdings beim weithin alleinbestimmenden Arbeitgeber der Gegend, dem riesigen Geflügelschlachthof Möllring schon von jeher. Um so mehr hofft die alleinerziehende Mutter Sonja, dass das Bewerbungsgespräch an diesem Nachmittag wirklich zum Sprung vom Hühnchenzerlege-Fließband in die Verwaltung führt.
Wobei sie nicht ahnt, dass in der ebenso konservativen wie frauenfeindlichen Führungsetage der älteren Männer eben daran gearbeitet wird, Qualitätsabtasterinnen wie sie überflüssig zu machen. Der dafür zuständige Prozessoptimierer Merkhausen drängt gerade darauf, die teuer investierte Automatisierungssoftware endlich geregelt zu bekommen.
Wofür die junge Ingenieurin Anna unter Druck steht, um die noch immer auftretenden Fehler auszumerzen. Auch aus sehr persönlichen Gründen will sie den Job schnellsten erledigen, denn noch mehr als das angestaubte Gehabe Merkhausens ekelt die Vegetarierin der Gedanke daran, dass hier in diesem Betrieb täglich die völlig irreale Summe von 650.000 Hühnchen getötet und zerlegt wird.
Merkhausen wiederum, dem die Ehefrau weggelaufen ist, fiebert dem Abend entgegen, wenn er endlich Justyna trifft. Er hat sie noch nie gesehen, obwohl die Altenpflegerin mal hier gearbeitet hat. Dass die Polin aber derzeit eine Affäre mit ihrem Nachbarn, dem 20 Jahre jüngeren Afghanen Nassim hat, weiß er natürlich nicht.
Nassim seinerseits ist ein stark sehbehinderter Flüchtling, der dringend einen Aufenthaltsstatus benötigt. Er sieht sich als Dichter und wegen ihm ist Roshi unterwegs zu ihm, denn er hofft, mit ihrer Unterstützung als fast blinder Lyriker bessere Karten bei den Beamten der Asylbehörde zu haben.
Ausgerechnet jetzt passiert ihm ein womöglich begünstigendes Missgeschick, als ihm ein rücksichtsloser Radfahrer seinen Blindenstock kaputtfährt. Der lokale Radiosender macht ihn mit dieser Geschichte sogar zu einem Mahnmal.
Und all diese Vorgänge tragen sich an nur einem Tag zu und werden teils aus verschiedenen Perspektiven geschildert. Die Autorin vermeidet dabei jede Übertreibung, so dass das Denken und Handeln der Protagonisten glaubhaft bleibt. Wenn die Einzelpersonen anfangs jeweils ihre ganz eigene Geschichte zu haben scheinen, ist doch alles hervorragend miteinander verknüpft.
Alle sind auf ihre Weise unter Stress und doch gelingt der Autorin mit erstaunlich leichter Hand, die allgemeine Tristesse des ganz normalen Daseins nicht schwermütig erscheinen zu lassen. So bietet „Und überall Federn“ einen ebenso realistischen wie kritischen Lesegenuss. Der Appetit auf Geflügelfleisch könnte allerdings ein wenig beeinträchtigt werden...
# Nava Ebrahimi: Und überall Federn; 347 Seiten; Luchterhand Literaturverlag, München; € 24
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)
