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OLIVER BOTTINI: „DIE SUMME ALLER DINGE“
„Die Summe aller Dinge“ heißt der Titel von Oliver Bottinis jüngstem Krimi. Der allerdings viel mehr als das ist, nämlich der erste und gleich ganz große Roman zum Cum-ex-Skandal, dem wohl größten deutschen Wirtschaftsverbrechen überhaupt.
Der Auftakt ist bereits verheißungsvoll, wenn sich da zunächst im März 2018 im heruntergekommenen Stadtteil Duisburg-Marxloh Familienvater Zaid Benour erschießt, Anfang April in London der Investmentbanker Freddy beim Joggen von einem SUV abgeräumt wird, und auf Capri bei seinem Kollegen Erik Cahn ein Killer der Camorra mit einer Drahtschlinge am Bett steht.
Im Studium hatten Freddy und Erik raffinierte Pläne zur quasi-legalen Geldbeschaffung aus Steuergeldern ausbaldowert und im angehende Bauingenieur Zaid den kongenialen Partner gefunden. Dieser Mathe-Guru hatte den glänzenden Blick für komplizierte Zusammenhänge.
Und Bottini, vielfach ausgezeichneter Autor von Krimis mit gesellschaftlich relevanten Hintergründen, gelingt es tatsächlich meisterhaft, diese Konstruktionen zur Gewinnmaximierung einigermaßen durchschaubar zu machen. Durch Aktienverschiebungen nach dem – zu Beginn als Gesetzeslücke noch legalen – Cum-ex-Prinzip erfolgt bei Aktienverkäufen nur auf einer Seite die Zahlung von Kapitalertragssteuer, jedoch werden diese auf Antrag dann auf beiden Seiten zurückerstattet. Satte 20 Prozent, die sich Käufer und Verkäufer dann teilen.
Im realen Fall ist auf diese Weise und über verschachtelte Firmenkonstrukte auch noch nach Schließung der Gesetzeslücke ab 2012 eine Steuerhinterziehung von rund 420 Millionen Euro aufgelaufen. Im Roman hat die Frankfurter Oberstaatsanwältin Esther Molien die fast unlösbare Aufgabe vor sich, dieses unübersichtliche Finanzdickicht aufzuforsten.
Unterwegs ist zunächst jedoch Vera Berg von der Kripo in Frankfurt, die Witwe Zaid Benours, auf der Jagd nach Antworten. Zwar war sie mit seinen Kollegen auf Capri gewesen, welch ein kriminelles Doppelleben ihr sanfter geliebter Mann aber geführt hatte, entdeckt sie erst jetzt nach und nach.
Während sich in brillanter Dramaturgie auf verschiedenen Zeitebenen die unglaublichen Dimensionen der Finanzjonglagen entfalten, entspinnt sich in der Gegenwart von 2018 eine Hetzjagd auf Erik Cahn – an dessen Tod sowieso nicht geglaubt hat – und auf Rasool, einen besonders cleveren Finanzmakler.
Wichtiger Mitspieler ist da der Ex-Interpolbeamte Michele Corrao, der Erik klarmacht, warum ihn die Camorra auf der Abschussliste hat: weil er mit seinen Millionen Geschäfte auch in Italien aufgezogen hat, ohne sie zu beteiligen.
Während Oberstaatsanwältin Molien gerade ihren streng geheimen Kronzeugen aus den Cum-ex-Kreisen verliert, wird aber auch vera Berg verfolgt. Doch erst allmählich wird bei all diesen wenig zimperlichen und offenbar bestens verletzten Jägern erkennbar, dass hier nicht nur ungnädige Mafia-Bosse die Fäden ziehen.
Vera Berg gerät bei aller Cleverness in höchste Gefahr, während sie stets auf um ihre verschwundene zwölfjährige Tochter bangt, Deals mit der Oberstaatsanwältin macht aber auch mit zweifelhaften Akteuren. Und es entsteht nicht nur eine vibrierende Hatz – immer intensiver wird die Frage nach dem großen Drahtzieher im Hintergrund.
Das Alles hetzt gleichwohl nicht wie ein rasanter Krimi daher, sondern erzählt diese ungeheuer komplexe Geschichte ausgiebig, gründlich und dabei absolut fesselnd bis zuletzt.
Die Charaktere sind so exzellent gezeichnet, dass sie trotz aller krimineller Energie nicht einfach als gut oder böse erscheinen. Ihre Beweggründe werden glaubhaft dargestellt und ihnen einfach nur schlichte unmäßige Geldgier zu unterstellen, wäre zu kurz gesprungen.
Fazit: „Die Summe aller Dinge“ ist ein komplexes Meisterwerk der Spannungsliteratur auf hohem Niveau und ein wahrer Genuss für anspruchsvolle Leser.


# Oliver Bottini: Die Summe aller Dinge; 478 Seiten; DuMont Verlag, Köln; € 28
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)