
PETRA MORSBACH: „ORION“
Nora Meyer ist ein Büchermensch, literarisch derartig geprägt, dass sie das Leben und die Menschen quasi durch die Literatur sieht und für sich erklärt. Konsequenterweise wurde sie nach dem Abitur Lehrerin für Deutsch und Geschichte.
Diese Nora Meyer ist denn auch die Ich-Erzählerin in Petra Morsbachs neuem Roman „Orion“. Der Tochter aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen war dieser Weg nicht unbedingt vorgezeichnet, den auslösenden Funken aber beschreibt ein ausführlicher Prolog in höchst beeindruckender Weise.
Mit acht Jahren wurde Nora für einige schreckliche Wochen zu Oma Auguste ausgelagert, weil ihre Mutter ins Krankenhaus musste. Beengt und geradezu primitiv lebt die sehr schwerhörige und unappetitliche alte Dame, die aussieht „wie ein zerbeulter Würfel.“
Mag die von einem kargen Leben mit zehn Kindern und einem zwielichtigen Ehemann gezeichnete Oma auch seltsam bis unheimlich sein, so zündet sie mit ihren skurrilen Gewohnheiten jedoch ein lebenslanges Feuer in Nora, wenn sie allabendlich Lieder und Balladen von sich gibt, die so manches Mal auch schaudern lassen.
Als das Mädchen aus der Provinz dann in den 60er Jahren in München studiert, gehört sie kein bisschen zu den typischen Studenten der 68er Jahre. Stattdessen jobbt sie brav nebenher im Bayerischen Staatsarchiv, wo ihr Vorgesetzter der ebenso dröge wie verklemmte Archivar Dr. Theseus Dellendrücker ist.
Nora legt ihre schüchterne Bravheit auch im Weiteren nie so ganz ab, auch wenn sie als Lehrerin an einem beschaulichen Provinzgymnasium ganz in ihrem Beruf ausgeht. Und es passt auch, dass sie Theseus Dellendrücker wiedersieht und mit 29 den zehn Jahre älteren Mann sogar heiratet.
Sonderliches Eheglück ist ihr nicht beschieden, denn, nachdem sie sich schon zu ihren Archivzeiten zuweilen nur schwierig verständigen konnten, erweist sich nun auch: „Sein Eheproblem bestand darin, dass ihm das Skript für Intimität fehlte.“
Doch obwohl Theseus Dellendrücker „ein bisschen unterbelebt“ bleibt, entspringt der Ehe der Sohn Aeneas. Nora nennt ihn zwar „Enni“, entwickelt ansonsten jedoch kein inniges Verhältnis zu ihrem Kind. Stattdessen unterhält sie ein solches längere Zeit zu dem verheirateten Forstmann Bruno.
Als das viel später herauskommt, kann der Gatte überhaupt nicht damit fertig werden und es kommt tatsächlich nach 20 Jahren Ehe zur Scheidung. Immerhin erfährt Nora während ihrer Trennungsphase von seinen prägenden Kindheitserfahrungen mit einer schrillen, kaltherzigen Mutter.
In all ihren Lebensphasen richtet Nora ihr Denken und Handeln weitgehend nach literarischen Vorbildern aus, wobei die antiken Dichter eine bevorzugte Stellung mit vielerlei, teils ausführlichen Zitaten inne haben.
Doch es hat eine gewisse Tragik, dass Nora ihre nun gewonnene Freiheit nicht angemessen nutzen kann: kaum 60 geworden, wird sie dialysepflichtig. Doch auch wenn sie jetzt der Krankheit und der Reha viele Gedanken widmet, beginnt sie nicht wirklich zu klagen.
Über rund 60 Jahre fasst der Büchermensch Nora so zusammen, teils durchaus mit komödienhaften Anflügen, aber eben auch sehr viel gutbürgerlichem Bildungskanon. „Orion“ wirkt mit seiner distanzierten Sprache und dem ausgebreiteten humanistischen Wissen – selbst ein einschlägiger Quellenanhang fehlt da nicht! - wie ein Bildungsroman aus guten alten Tagen.
Wer so etwas zu schätzen weiß, findet hier ein literarisches Labsal, ansonsten allerdings wirkt dieser ruhig erzählte Roman ein wenig wie aus der Zeit gefallen.
# Petra Morsbach: Orion; 411 Seiten; Penguin Verlag, München; € 26
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)