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RICHARD PRICE: „LAZARUS MAN“
Eine schwere Gasexplosion in East Harlem, die 2014 mehrere Gebäude nicht weit von seiner eigenen Wohnung zum Einsturz brachte, inspirierte den US-Erfolgsautor Richard Price zu seinem jüngsten Roman mit dem Titel „Lazarus Man“.
Dort schreibt man allerdings erst das Jahr 2008, als ein fünfstöckiges Wohnhaus durch eine Explosion zusammenstürzt. Die allseitige Panik ist erst einmal riesig, denn die Ursache ist unklar und der Terroranschlag auf das World Trade Center von 2001 noch nur zu gut in der Erinnerung aller New Yorker.
Doch Richard Price erzählt hier keine große Geschichte um Ursache, Auslöser und dergleichen. Vielmehr stellt er den titelgebenden Mann zusammen mit drei anderen Personen in den Mittelpunkt des weiteren Geschehens.
Wobei dieser Anthony Carter die besondere Aufmerksamkeit der Menschen genießt, als er über 30 Stunden nach dem verheerenden Einsturz des Gebäudes von Rettungskräften benommen aber nur leicht verletzt aus den Trümmern geborgen wird.
Mit ihm fängt der Roman auch an, jedoch in der Nacht davor. Da versucht der 42-Jährige in einer nahen Bar eine Frau anzubaggern. Die ihn aber auflaufen lässt, weil er zu viel Diffuses von sich gibt.
Tatsächlich ist Anthony auch ein vielfach Gescheiterter, der seinen Job als Lehrer vergeigtem zwei Jahre kokainabhängig war und über all dem von seiner Frau verlassen wurde. Nun sucht er einen Neuanfang und kommt nur überhaupt über die Runden, weil er die kleine Wohnung seiner Eltern geerbt hatte. Just in dem Haus, das dann über Nacht zerstört wurde.
Dann erscheinen jedoch zunächst drei andere zentrale Protagonisten wie die Polizistin Mary Roe, so alt wie Anthony, geschieden und wegen einer seltsamen Phobie nur noch als eine Art Kontaktbeamtin zu gebrauchen. Während sie sich mit ihrem Einkommen im teuren New York so gerade über Wasser hält, wird es für Royal Davis immer enger.
Das Bestattungsunternehmen seiner Eltern hat er nur aus Pflichtgefühl gegenüber der Familientradition übernommen. Da nach Aids- und Crack-Zeiten die Bestattungszahlen immer weiter nachlassen, bleiben ihm fast nur noch die nicht sehr lukrativen Transportfahrten.
Felix Pearl als vierte der Hauptfiguren geht es noch schlechter. Der 20-jähirge Fotograf verdient ußaer mit einem Nebenjob für das städtische Grünflächenamt so gut wie nichts und dazu wohnt er in einem heruntergekommenen ehemals großbürgerlichen Wohnblock, in dem auch die anderen Mieter als Rentner oder Kleinkriminelle nur Hungerleider sind.
Und dann geschieht der Sensationsfund des unwahrscheinlichen Überlebenden, der als „Lazarus Man“ sofort im öffentlichen Interesse steht. Und Anthony Carter macht etwas aus seiner sehr speziellen und unerklärlichen Wiederauferstehung. Er beginnt, Reden zu halten über die Einzigartigkeit des Lebens und die Dankbarkeit über seine Errettung.
Und er will den Menschen etwas zurückgeben, was ihm auch wirklich gelingt. Gleichwohl folgt auch jetzt keine ausgesprochene Handlung, vielmehr geht das Erzählen um so prägnanter auf die Einzelschicksale und auch deren Interaktionen miteinander ein.
Das wird beherrscht von den präzisen Charakterzeichnungen und der Dramaturgie mit ihren schnellen Wechseln, die erkennen lassen, dass Richard ja auch ein versierter Drehbuchautor ist. Da reißt der Erzählstrom gerade auch mit den vielen exzellenten Dialogen mit.
Selbst das überraschende Ende passt da ins Bild dieses typischen New-York-Romans, der auch ohne nennenswerte Handlung bis zuletzt fesselt.


# Richard Price: Lazarus Man (aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens); 399 Seiten; S. Fischer Verlag;
€ 26 WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)