TANJA SLJIVAR: „NATIONALTHEATER“
Tanja Sljivar, 1988 in Banja Luka geboren, studierte Dramaturgie und angewandte Theaterwissenschaften. Ihre Theaterstücke wurden internationale Erfolge. 2019 fungierte sie außerdem als Schauspieldirektorin am Nationaltheater Belgrad.Dieser Vorspann ist wichtig zum Verständnis ihres Debütromans „Nationaltheater“, denn Sljivar schreibt nicht nur mit direkter Expertise sondern spürbar aus eigenem Erleben. Da ahnt man, wie nahe die junge ambitionierte Dina ihr ist, die hier im Mittelpunkt steht. Als bisher nicht fest engagierte Theaterfrau zögert die Dramaturgin zunächst, als sie zur Chefin des Nationaltheaters eingeladen und mit dem Angebot des Jobs als Schauspieldirektorin regelrecht überrumpelt wird. Ablehnen aber ist natürlich keine Option.So leitet sie plötzlich in diesem großen Theater mit seinen hunderten von Mitarbeitern die Schauspiel-Sparte. Und jetzt steht in dem geschichtsträchtigen Haus auch noch das 150-jährige Jubiläum an. Von Beginn an gibt es einige im Haus, die gar nicht erfreut sind über die eben 30 Jahre alte Chefin. Zudem will der Sicherheitschef des Theaters herausgefunden haben, dass diese Dina lesbisch ist und verdächtig europa-orientiert. Das irgendwie sozialistisch-konservative Überbleibsel aus großer Zeit ist eben, nun ja, konservativ. Dabei schlägt sich diese Dina gerade mit einer eher unerfreulichen Beziehung mit einem absolut männlichen Musiker herum. Der wird hier nur der „Junge Narzisst“ genannt, während fast alle sonstigen Protagonisten ebenfalls statt mit Namen nur mit ihren Funktionen bezeichnet werden.Und auch das meist eher mit kauzigen Einordnungen wie dem „Mitglieder-der-Regierungspartei-Schuspieler“ oder der „kaffeekochenden Sekretärin“. Ansionsten klingt immer wieder der Zustande des seit dem Zerfall Jugoslawiens gebeutelten Landes durch: „Das Volk ging in diesen schlimmsten Jahren . Den neunziger Jahren – ins Nationaltheater, weil hier die Heizung noch funktionierte.“Nun aber findet sich Dina in einem muffigen Intrigantenstadel wieder und scheucht so manchen weiblichen unnd männlichen Platzhirsch mit ihrer frischen Art auf. Wobei dann ihr Bestreben, das Jubiläum mit Inszenierungen zu feiern, in denen Frauen auf offener Bühne Gewalt angetan wird, rundum für Entrüstung sorgt. Und Tanja Sljivar lässt all diese in wahrsten Sinne des Wortes theatralischen Charaktere aufeinander los, anarchisch, ungebärdig und mit stetem unterschwelligem Sarkasmus. Der Duktus ihres Schreibens erinnert da durchaus an die gnadenlosen Entlarvungen eines Joseph Roth aus dem Niedergang der k.-und-k.-Zeiten.„Nationaltheater“ hat einen sehr eigenen Charakter, der auch durch manchen schwarzen Humor vor allem Theaterfreunde begeistern dürfte. Und dass diese Dina wie einst die Autorin nicht mal ein Jahr hier aushält – wen wundert es.
# Tanja Sljivar: Nationaltheater (aus dem Servokroatischen von Masa Dabic); 236 Seiten; Suhrkamp Verlag, Berlin; € 25
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)