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TOM SALLER: „UND HEDI SPRINGT“
Erfolgsautor Tom Saller lebt im Bergischen Land in der Kleinstadt Wipperfürth. Die ist nun auch Schauplatz seines jüngsten Romans unter dem Titel „Hedi springt“.
Diese Hedi Wetzlaff ist allerdings keine reine Kunstfigur, denn die echte Hedi war Sallers Großmutter. Ihr Schicksal als Flüchtlingsfrau, die 1945 den Untergang der „Wilhelm Gustloff“ überlebte und mit vielen anderen aus dem Osten ins Flüchtlingslager Wipperfürth kam, hat der Autor zu einer sehr realistischen Geschichte vor historischem Hintergrund fiktionalisiert.
Wie die hochschwangere Hedi die schlimmen Winter und die Hungerzeiten der ersten Nachkriegsjahre dann auch mit dem kleinen Siggi – Tom Sallers inzwischen verstorbener Vater – übersteht, ist nur an ihrer persönlichen Wirklichkeit angelehnt. Im Roman jedoch geht sie einen viel spektakuläreren Weg.
Gleich nach dem Krieg hatte in dem Städtchen nämlich ein umtriebiger junger Geschäftsmann eine Firma gegründet: „Alfons Müller (1911-1986). Kurz vor Kriegsende hatte der Sohn eines Textilfabrikanten hier einige Nähmaschinen deponiert. Bald schon ließ er nun Hosen, Anzüge und Mäntel für die abgerissene Bevölkerung nähen.
Und Hedi hatte das Glück, bei dem hemdsärmeligen Unternehmer nicht nur fürs Büro eingestellt zu werden, sondern sogar eine winzige Unterkunft in der noch primitiven Betriebsstätte zu bekommen. Während sie sich Müllers Vertrauen erwirbt und sich auch mit dessen recht freizügiger Dauergeliebten Anna anfreundet, entwickelt der sich zu einem der ganz frühen Wirtschaftswunderkindern Westdeutschlands.
Und zunehmend wird der Roman zur Geschichte des wilden Machers, der sich dank seines für die Stadt seines so segensreichen Schaffens später offiziell den Namen „Müller-Wipperfürth“ zulegen darf. Hedi erlebt ihn als unermüdlichen Planer und Entwickler mit solch erfolgreichen aber auch unkonventionellen Methoden, dass die Konkurrenz über ihn schäumt.
Hedi selbst profitiert von Müllers Eigenarten als Tyrann und zugleich fürsorglicher Patriarch, denn als Klein-Siggi dem Dauerarbeiter auf den Nerv geht, setzt er Mutter und Kind und Anna gleich mit vor die Tür – und in ein kleines Haus in Fabriknähe.
Entlang Hedis weiterem Lebensweg als alleinerziehende Mutter in den 50er Jahren mit dem schwierigen Siggi und später mit dem völlig überraschen heimkehrenden Kindsvater Hans entfaltet sich immer mehr und immer fesselnder die bewegte Vita des Alfons Müller-Wipperfürth.
Der immer neue Erfolgsmodell mit neuen Produktionsstätten und außergewöhnlichen Vertriebswegen ausbaldowert und sich dabei auch als Kontrollfreak erweist, der sich selbst wenig um Grenzen schert. „Wirtschaft ist zur Hälfte Psychologie“, so sein Credo.
Bis er auch die Grenzen der Steuergesetze einfach zu großzügig auslegt. Womit unter Hinweis auf die SPIEGEL-Titelgeschichte „Der Steuer-Schneider“ vom Januar 1961 ein besonders heikles Kapitel für den Macher beginnt. Mag das Leben von Hedi und Anna auch recht bewegt sein, das vom leidenschaftlichen Flieger Müller-Wipperfürth schlägt weitaus abenteuerlichere Kapriolen.
Das Alles bleibt bis zum Schluss der privaten Geschichte Hedis und ihrer Familie, die Enkel Tom Saller mit viel Zeit- und Lokalkolorit erforscht und beschrieben hat, ein mit klarer Sprache geschriebenes Stück deutscher Nachkriegsgeschichte aus den unbändigen Wirtschaftswunderzeiten.


# Tom Saller: Und Hedi springt; 332 Seiten; List Verlag, Berlin; € 22,99
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)