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CRAIG BROWN: „Q. DAS UNGLAUBLICHE LEBEN DER QUEEN“
Königin Elizabeth II. (1926-2022) war vermutlich die am intensivsten unter höfischer und öffentlicher Beobachtung dokumentierte Persönlichkeit aller Zeiten. Doch die Queen hatte nicht nur ein übermäßig durchgeregeltes Leben, sie war trotzdem auch eine Privatperson.
In diesem April wäre sie 100 Jahre geworden und dem absolut angemessen liegt nur eine Biografie vor, die in einzigartiger Weise dem Phänomen dieses weltweit beachteten Jahrhundertleben gerecht wird.
Gelungen ist dies Craig Brown, preisgekrönter Sachbuchautor und Journalist. Britische Leser sind vermutlich zunächst zusammengezuckt, als sie den Namen dieses Autors vernommen haben, denn Brown hat einen großen Ruf durch seine jahrzehntelange Arbeit für das Satiremagazin „Private Eye“. Und tatsächlich ging er diese Biografie wie schon zuvor die vielgerühmte „One Two Three Four – Die fabelhaften Jahre der Beatles“ (2022) bewusst nicht wissenschaftlich an.
Es ist eine Spezialität Browns, ein Gesamtbild anhand von Sach- und Presseartikeln, Aussagen von Zeitzeugen sowie von überlieferten Anekdoten zu formen, das ebenso fundiert wie unterhaltsam ist. Seine Herangehensweise wirkt einerseits, als hätte ein Außerirdischer mit vorurteilsfreier Neugier die Vita der Queen unter die Lupe genommen.
Andererseits gehört Brown wie so viele Briten zu jenen, denen man eine besondere Sympathie für die Monarchie nicht nachsagen kann, die aber trotzdem 'ihre' Queen liebten. Eine Faszination, wie sie so manche selbst eher links orientierte Zeitgenossen unverhohlen eingestehen.
So also ging dieser alles andere als ehrerbietige Berichterstatter ans Werk und schuf „Q. Das unglaubliche Leben der Queen“ aus einem Wust von Quellen, deren Angaben allein gut 15 Seiten Anhang füllen.
Und es sei vorweg gesagt: ein treffenderes Bild der Königin ist kaum denkbar, dabei beschreibt Brown es mit viel trockenem Humor und zugleich Respekt und – bietet so manche Überraschung aus wenig bekannten oder längst vergessenen Quellen.
Natürlich beginnt der Biograf seine Sisyphos-Arbeit mit ihrer Kindheit, aus der er bereits die ersten von unzähligen oft köstlichen Anekdoten süffisant einfließen lässt. Man weiß, dass Elizabeth äußerst diszipliniert war und schon in ihren Kindertagen war ihr Ordnungssinn sehr ausgeprägt. Wozu es auch einige Beispiele ihrer bis ins Alter gepflegte Liebe zu Puzzles gibt, je mehr Teile, desto lieber.
Dem stehen gewissermaßen als Gegenentwurf die Corgies gegenüber, die sie innig liebte. Die kleinen ungebärdigen Hunde hatten unfassbare Freiheiten bei ihr und wehe, jemand beklagte sich über deren schlechtes Benehmen inklusive Beißfreudigkeit.
Übertroffen wurde diese Tierliebe nur noch zu der für Pferde. Wegen denen die Queen sogar zwei Mal in aller Öffentlichkeit rennend gesehen wurde, weil es um Siege bei Rennen ging. Und ein Zwischenfall ist ebenfalls als typisch überliefert: am Wochenende ihres 70-jährigen Thronjubiläums im Juni 2022 eilten die Sicherheitsleute auf Windsor Castle in ihre Gemächer, weil sie lautes Schreien gehört hatten – doch Elizabeth hatte nur lauthals gejubelt, weil ihr „Steal a March“ in Worcester gewonnen hatte.
Selbstverständlich werden auch die normalen Ereignisse in der langen Vita geschildert und neben all den Präsidenten, Diktatoren und Prominenten, die sich mehr oder weniger beklommen bei ihr produzierten, kamen auch die persönlichen Beziehungen nicht zu kurz.
Allen voran Ehegatte Prinz Philip, und zu ihm wie auch beider Miteinander gibt es einige der köstlichsten – durchweg wahren – Anekdoten. Craig Brown beschreibt ihn als reizbaren Elefanten im Porzellanladen und er führt nicht nur eine ganze Fettnäpfchen-Parade auf, er verrät sogar Fälle, in denen die Queen vor ihm gekuscht hat. Ganz im Privaten.
Zu den hochkomischen Passagen der Biografie gehören aber auch skurrile Gerüchte und Zeitungsmeldungen. Am herzigsten dabei wohl die aus dem Juni 1947 vom „Weekly Telegraph“, nach der sich die frischvermählten Elizabeth und Philip den Buckingham Palace mit den (Schwieger-) Eltern würden teilen müssen. „Das führe dem Rest der Welt die in Großbritannien herrschende Wohnungsnot vor Augen.“ (Der Buckingham Palast hat auch nur 775 Zimmer und 78 Bäder!)
Immer wieder staunen lässt das bis ins Detail durchgeregelte „dienstliche“ Leben der Queen, wo der Krönungstag am 6. Juni 1953 herausragt. Sieben Stunden, dauerte es, bis die Königin mit der 2,2 kg schweren Edwardskrone in der goldenen Kutsche durch London fahren konnte.
Der Alltag wiederum war bis zuletzt von Pflichtbewusstsein geprägt, wobei eine Konversation mit der Queen offenbar durchaus eine zähe, inhaltsarme Angelegenheit sein konnte. Andererseits wird aber auch der herzhafte Humor der kleinen Königin (163 cm) gerühmt, während die so unablässig unter Beobachtung stehende Monarchin zugleich die Kunst beherrschte, Zuschauer gar nicht wahrzunehmen.
Craig Brown schließt die Biografie würdevoll mit einem Protokoll der letzten Wochen und Tage. Zwischen dem 96. Geburtstag am 21. April und ihren Ableben im folgenden September hatte die Queen unter anderem noch einen neckischen Filmauftritt mit Bär Paddington und blieb ansonsten bis zuletzt „on duty“.
Da empfing sie am 6. September 2022 die soeben ernannte Premierministerin Liz Truss zu ihrer Bestallung, erkundigte sich andererseits aber auch beim Trainer ihres Rennpferdes nach den Chancen in Worcester (es gewann!). Ihre letzte Dienstausübung dann am 7. September eine Beileidsadresse nach Kanada (dessen Staatsoberhaupt sie ja auch war) wegen eines Amoklaufs.
Als am 8. September 2022 der Code „Operation London Bridge“ die Familienangehörigen zusammenrief, war Queen Elizabeth II. sanft entschlafen. - Eine große Vita hatte ihren Abschluss gefunden und Craig Brown setzt mit den letzten Beschreibungen den Schlusspunkt unter eine Biografie, die so angemessen ernst und zugleich mit viel Esprit und Komik durchsetzt erscheint, dass man glauben möchte: sie hätte Her Majesty gefallen.


# Craig Brown: Q. Das unglaubliche Leben der Queen (aus dem Englischen von Tobias Gabel); 750 Seiten, div. SW-Abb.; C. H. Beck Verlag, München; € 39,90
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)