
CATHERINE EGAN: „THE EXPERIMENT“
Am Schluss von Catherine Egans dystopischen Jugendthriller standen sich Asher und Direktorin Mach auf dem Dach der streng geheimen Forschungsanlage Factory gegenüber und der 13-Jährige zündete die Bombe. Damit endete die packende Geschichte unter dem Titel „The Factory“, bei der sich Asher und seine Clique gegen die Machenschaften der Betreiber auflehnten. Mit hohen Geldbeträgen und vollen Versprechungen hatten diese Jugendliche um die 13 angelockt für ein Wissenschaftsexperiment, bei dem ihnen täglich etwas entnommen wurde. Was in den monströsen Prozessen „extrahiert“ wurde, hielt man geheim vor ihnen, doch sie merkten am eigenen Leib die unheimlichen Gefühle und Schmerzen und sie bekamen mit, dass es einigen von ihnen sehr schlecht bekam. Und so kam die zunächst heimliche Rebellion auf, die dann auf dem Factory-Dach endete.Nun aber legt die kanadische Autorin die Fortsetzung vor unter dem Titel „The Experiment“. Und überrascht sofort, denn Ich-Erzähler Asher erwacht aus einer Art Koma und die ihn da begrüßt, ist keine Andere als Violet Shu: „Willkommen zurück in der Factory, Asher.“ Doch er versteht nicht – diese Vi sieht zwar aus wie die ungebärdige Mitstreiterin bei der Sabotage und dem gewaltsamen Aufbegehren, aber deutlich älter. Tatsächlich ist sie jetzt 33 Jahre alt und Direktorin der Anlage, die allerdings zum Hightech-Park „TimeLabs“ umgewandelt worden ist.Die Bombe, die Asher seinerzeit zündete, war eine Zeitbombe im Sinne des Wortes. Sie hatte nichts gesprengt, sondern ihn und die alte Direktorin in eine „Zeitstarre“ von 20 Jahren versetzt. So lange sei er „auf Pause“ gewesen, als Ergebnis ihrer erfolgreichen Forschungen in der Zeittechnologie, erklärt ihm Vi. Während Nicola Mach weiterhin in der Zeitblase feststeckt, lernt Asher mühsam all die Neuerungen der vielen Jahre aufzunehmen und zu verstehen. Dazu schicken sie ihn unter Pseudonym unter die neu ankommenden Jugendlichen. Ja, die werden immer noch zu Extraktionen engagiert, wenngleich viel humaner behandelt als zu seiner Zeit. Dennoch erscheint Asher das alles viel zu glatt und dann erfolgen Abstürze, in denen er runterfährt auf Null bis hin zum totalen Vergessen des gerade Erlernten.Das Problem ist offenbar, dass seine Zellen sich noch nicht wieder mit Zeit und Raum synchronisieren.Außerdem kann er den Ort nicht verlassen und altert nicht. Doch auch im Netz entdeckt er erste Merkwürdigkeiten. Und zu seiner großen Überraschung darf erplötzlich mit seiner Familie kommunizieren. Die jedoch inzwischen um 20 Jahre gealtert ist, außerdem hat Mutter Lizzy geheiratet und drei Kinder.Alles wird immer verwirrender mit atemberaubenden Wendungen. So offenbart sich heimlich eine Komplizin für ihn unter den Neuankömmlingen: Ruby, seine neue Halbschwester, ebenfalls 13 und ihm zwillingshaft ähnlich. Währenddessen spielt Vi ein immer seltsameres Spiel und auch Nicola Mach scheint nicht durchgehend in der Zeitblase gefangen. Nicht umsonst stellt Asher etwa zur Halbzeit fest: "Es kommt mir vor, als wäre diese ganze Spaßlandschaft nur eine dünne Farbschicht über der alten Factory, demselben Albtraum.“ Und immer wieter verdichten sich neue Geheimnisse und Winkelzüge in einem haarsträubenden Experiment um Zukunftsstränge.Das bleibt bis zum Schluss mit viel Action und Überraschungen unter atemloser Spannung und bietet einen wahrhaft packenden Jugendthriller. Der allerdings nicht nur Teenager sondern auch Erwachsene in seinen Bann schlagen und lange nachhallen wird.
# Catherine Egan: The Experiment (aus dem Englischen von Leo H. Strohm); 300 Seiten, Klappenbroschur; Fischer Sauerländer, Frankfurt; € 17WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)