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CATHERINE EGAN: „THE FACTORY“
In der nahen Zukunft: die Erde ist durch Klimawandel und andere Katastrophen schwer verwüstet. Um so größer scheint der Glückstreffer für den 13-jährigen Asher Doyle zu sein, der aus seinem prekären Umfeld in einer von der brutalen Hitze geplagten Stadt in ein paradiesisch angekündigtes Projekt umsiedeln soll.
Den Eltern solcher Probanden winkt für das einjährige Verweilen dort viel Geld und den Kindern nicht nur eine tolle Zeit in klimatisierter Umgebung einschließlich gutem Essen sondern im Anschluss außerdem eine moderne Ausbildung. Die Kinder sollen einem Forschungsprojekt dienen, das der gesamten Nation zugute kommt.
„The Factory“ heißt die streng geheime Wissenschaftsanlage, zu der Asher und etliche weitere Teenager gebracht werden. „The Factory“ ist auch der Titel von Catherine Egans neuem Jugendroman und die kanadische Erfolgsautorin legt damit einen packenden dystopischen Thriller vor.
Die geradezu himmlischen Verheißungen zerfließen für Ich-Erzähler schon gleich nach der Fahrt durch die hitzeversengte Wüste, am Ziel erwarten sie nämlich Stacheldrahtzäune und schwer bewaffnete Wachmannschaften, die das Areal hermetisch abriegeln.
Barsch teilt ihnen die eisige Kontrollchefin Garrick mit, dass sie alle privaten Dinge wie auch ihre Kleidung abgeben müssen. Weiße Einheitsoveralls, strengste Hygiene und natürlich keinerlei elektronische Geräte sind die Regel. Und natürlich strenger Gehorsam.
Dann aber der eigentliche Schock, das Experiment, wegen dem sie hier sind. Und in das sie nun völlig unvorbereitet eingeführt werden: jeder steigt im Extraktionscontainer (EC) in eine Röhre und muss auf einen Mundschutz, um Atmen zu können. Sofort wird der Proband von einer dicklichen kalten Masse umflossen.
„Als würde man in Glibber ertrinken“, beschreibt es Asher. Doch das ist erst der Einstieg, denn nach einem Knall wird alles grellweiß und ein peinigendes Ziehen und das Gefühl eine undefinierbaren Eindringens setzen ein und werden zu einem widerwärtigen Rundumschmerz.
Diese Beschreibungen nehmen einen beim Lesen regelrecht körperlich mit, so dicht und unmittelbar sind sie. Und es folgt Müdigkeit und oft ein Taumeln, als hätte der EC etwas aus dem Körper gezogen. Aber man nennt es ja auch Extraktion und notfalls wird die Anlagenärztin eingeschaltet. Allerdings heißt es offiziell auch: „Die Nebenwirkungen sind für Kinder in der wachstumsintensiven Phase zwischen 11 und 15 sehr gering.“
Obwohl das ungern gelitten wird, entstehen nebenher ein paar Freundschaften wie die von Asher zu Faith und Troy. Vor allem aber zur rebellischen Vi. Sie wissen auch weiterhin nicht, wozu ihnen etwas extrahiert wird – zur Energiegewinnung? Zur Krebsbekämpfung? - aber sie erleben wiederholt, dass es Jugendlichen nach einer Schicht im EC erst sehr schlecht geht und dann werden sie nicht mehr gesehen.
Asher wird zwischendurch zur ebenso mysteriösen wie angsteinflößenden Direktorin gerufen. Er nämlich ist nicht nur Teilnehmer geworden, weil seine etwas labile Mutter das Geld wegen Schulden bei den falschen Leuten braucht – Asher ist der uneheliche Sohn des ehrgeizigen Senators Brooms. Der gehört zu den wichtigsten Drahtziehern hinter der geheimen Factory und er hatte drauf gedrängt, dass sein Sohn teilnimmt.
Doch die kleine Gruppe um Asher und Vi nimmt nicht alles still hin. Zunächst finden sie einen Dreh, der allgegenwärtigen Kontrolle für kurze Zeit aufs unbewachte Dach zu entwischen. Immer in der Gefahr von der fiesen Misses Garrick mit einer Roten Karten bestraft zu werden – was eine Extraschicht im EC bedeutet! - beginnen die Freunde nach ersten Schnüffeleien sogar mit kleinen Sabotageakten.
Immer fesselnder entwickelt sich die klaustrophobische Geschichte, doch wenn sie dann plötzlich mit einem richtig gemeinen Cliffhanger endet, sind da immer noch sehr viele Fragen offen. Aber – die Fortsetzung kommt glücklicherweise bereits Ende Juli!
Fazit: ein ungemein spannender Thriller mit starkem Setting und ebensolchen Charakteren und absolut filmreif. Und wahrlich nicht nur für Teenager eine hervorragend erfundene Dystopie aus der nahen und sehr realistischen Zukunft.


# Catherine Egan: The Factory – Es gibt kein Entkommen (aus dem Englischen von Leo H. Strohm); 345 Seiten, Klappenbroschur; Fischer Sauerländer, Frankfurt;
€ 16,90 WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)