- Geschrieben von: Wolfgang A. Niemann
- Kategorie: Kinder- & Jugendbücher
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ERIN A. CRAIG: „DAS DREIZEHNTE KIND“
Von klein auf wird Hazel vernachlässigt, abgelehnt und schlecht behandelt, weil sie eine zu viel ist für ihre Eltern, einen sehr dummen Jäger und seine bildschöne Frau. Und es wäre völlig traurig um sie bestellt, gäbe es da nicht diesen Prolog am Anfang ihrer Geschichte.
Da erscheint Merrick, der Erste unter allen Gottheiten, und er ist ganz einfach der Gott des Todes. Mit seinem Erscheinen bei Hazel beginnt denn auch der neue Roman von US-Erfolgsautorin Erin A. Craig unter dem Titel „Das dreizehnte Kind“.
Doch Merrick kommt nur, um ein Versprechen einzulösen, denn als ihre Eltern bereits vor ihrer Geburt wehklagten über diese eine Kind zu viel, erschien er bei ihnen und forderte es für sich. Der Untertitel dieses Märchen klingt jedoch düster: „Wenn der Tod ruft, muss sie gehorchen“. Tatsächlich muss sich die arme Hazel bis zu ihrem zwölften Geburtstag gedulden, bis der dunkle Pate kommt, um sie abzuholen. Nicht aber in das Reich des Todes, sondern in ein anderes Leben.
Dazu sei erklärt, dass „Das dreizehnte Kind“ keine völlige Neuerfindung ist, sondern eine moderne Neuerzählung des weniger bekannten Grimmschen Märchens vom Gevatter Tod. Und diese hier unter dem Namen Merrick auftretende Gottheit offenbart Hazel eine einzigartige Gabe: sie soll die mächtigste Heilerin der Welt werden.
Hazels Beziehung zu dem ebenso weisen wie eigenwilligen Paten sorgt immer wieder für spannende aber auch sehr emotionale Momente auf dem Weg zu ihrer Bestimmung. Und dann kommt die ganz große Herausforderung, als sie mit 18 Jahren an den Hof von König Marneignes gerufen wird.
Umgeben von intriganten Höflingen, leidet der König unsäglich unter einer monströsen ansteckenden Krankheitm bei der unter großen Krämpfen ölig-flüssiges Gold aus aufgekratzten Wunden tritt. Das treibt Hazel in ein Dilemma, denn ihre göttliche Gabe wäre imstande, ihn zu heilen, aber – er ist eigentlich dem Tod versprochen.
Darf sich Hazel dem Willen der Götter entgegenstellen? Und um welchen Preis? Natürlich hat das Konsequenzen, doch das Geschehen ist weit verworrener als nur mit diesem Problem, denn am Hof wie im ganzen Reich brodelt es. Und dann begegnet die Heilerin in diesen Zeiten der grassierenden Zitterpest – denn das ist die Krankheit des Königs – dem ebenso sarkastischen wie charismatischen Prinz Leopold.
Da erwachen auch in Hazel tiefe Gefühle, die zu romantischen Szenen führen. Während hier ihre Sehnsucht nach einem eigenen Leben und eben ihre Verletzlichkeit zutage tritt, erweist sie sich zugleich immer mehr als starke junge Frau mit viel Mut, wenn sie als Heilerin Entscheidungen über Leben und Tod treffen muss. Und damit auch in das Leben anderer Menschen eingreift.
Dem Schicksal des von einer Gottheit auserwählten dreizehnten Kindes aber kann sie nicht wirklich entkommen – was hier jedoch nicht weiter verraten werden soll. Auf jeden Fall ist dies ein dunkles Märchen ohne wirkliches Happyend, dafür mit düsteren Albträumen.
Dieser Roman für junge Leser ab etwa 14 Jahre fesselt nicht mit wilder Handlung sondern mit seiner Intensität und einer Hazel als Ich-Erzählerin, die voll für sich einnimmt. Dunkel und sehr atmosphärisch gehalten, kommt dieses in mittelalterlichem Setting gehaltene Märchen zwar als Fantasygeschichte, was sich jedoch wohltuend auf Hazels außergewöhnliche Gabe und das persönliche Erscheinen verschiedener Götter beschränkt.
Fazit: ein ungewöhnliches Lesevergnügen, das subtil in eine sehr eigene, traumhaft schwebende Welt zieht.
# Erin A. Craig: Das dreizehnte Kind (aus dem Amerikanischen von Marc Alaoui); 666 Seiten; Ullstein Jugendbuch, Berlin; € 19,99
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)
