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KIMBERLEY BRUBAKER BRADLEY: „ÜBER MIR DER WEITE HIMMEL“
Der Kinder- und Jugendroman „Das Gras unter meinen Füßen“ von Kimberley Brubaker Bradley um die zehnjährige Ada mit dem Klumpfuß war ein bewegendes Stück Literatur und wurde in Deutschland für den Jugendliteraturpreis 2025 nominiert.
Nun liegt die Fortsetzung unter dem Titel „Über mir der weite Himmel“ vor, der unmittelbar an den ersten Teil von Adas Geschichte anschließt. Und wenn der Untertitel „Als die Zukunft begann“ lautet, dann weist er gleich auf den Einstieg hin.
Das ist der 16. September 1940, der Vorabend der Operation, mit der völlig verdrehte Klumpfuß, mit dem sie geboren wurde, gerichtet werden soll. Wegen ihm hatte sie eine furchtbare lieblose Kindheit durchlitten, denn ihre schreckliche Mutter hatte wegen des „hässlichen Dings“ gehasst und wie eine Totalbehinderte unter Verschluss gehalten.
Da war die Kinderlandverschickung zum Glücksfall für sie geworden, als wegen des Kriegsausbruchs alle Kinder aus London evakuiert wurden. Ada hatte sich unter verbissenen Höllenqualen beigebracht, mit dem Klumpfuß zu laufen, und sich nun heimlich dem Abtransport ihres kleinen Bruders Jamie angeschlossen.
Und nun dieses unfassbare Wunder nach der Operation, das die jetzt elfjährige Ich-Erzählerin auch mit ungeheurer Wut kommentiert: „Mehr hat es nicht gebraucht? Ein paar Monate Krankenhaus und alles ist gut?“
Kein Wunder, dass das so lange malträtierte Mädchen keinerlei Trauer empfindet, als sie erfährt, dass die „Mam“ bei einem der deutschen Bombenangriffe umgekommen ist – statt der möglichen Heilung hatte sie das Kind todunglücklich vor sich hinvegetieren lassen.
An Adas Seite ist weiterhin Susan, die knorrige Frau, die sie und Jamie vor einem Jahr widerwillig bei sich aufgenommen hatte. Längst haben die Kinder die Verbitterung der Frau über den frühen Tod ihrer Partnerin gemildert. Mittlerweile wurde Susans Haus durch eine Bombe zerstört und sie wohnt mit den Kindern im Wildhüterhaus der Familie Thorton.
Dort zieht bald auch Lady Thorton mit ein, als Herrenhaus für Militärzwecke beschlagnahmt wird. Und während Ada das Gehen lernt und sich wie alle anderen im Dorf in die Freiwilligendienste wegen des weiterhin tobenden Kriegs einbringt, wird auch Ruth bei ihnen einquartiert, ein Flüchtlingskind.
Aber auch eine Deutsche! Wie den vielen anderen jüdischen Flüchtlingen in England schlägt auch ihr Misstrauen entgegen; ist sie womöglich eine Spionin? Das Miteinander bleibt kompliziert und gerade Ada neigt nach den vielen seelischen Verletzungen aus ihrer Kindheit zu Misstrauen und störrischen Ausbrüchen.
Es sind bewegte Zeiten, in denen Ada eine großartige Entwicklung macht, auch wenn manches nicht ganz schmerzlos verläuft. Auch für die anfangs so abweisende Susan gibt es eine unerwartet erfreuliche Wendung, als Lord Thorton erfährt, dass sie eine Mathematikerin mit Prädikatsexamen und damit in diesen Zeit besonders wertvoll ist.
Fazit: auch die Fortsetzung von Adas außergewöhnlicher Geschichte überzeugt, bewegt und ist weit mehr als 'nur' ein Roman für junge Leser ab zwölf Jahre.


# Kimberley Brubaker Bradley: Über mir der weite Himmel. Als die Zukunft begann (aus dem Amerikanischen von Beate Schäfer); 345 Seiten; dtv Verlag, München; € 16
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)