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KIRA GEMBRI: „NELLY EMBERWING“
Ein 14-jähriges Waisenmädchen als Dienstbotin in einem reichen Haushalt im spätviktorianischen England – diese Nelly hat wahrlich nichts zu lachen als Bedienerin der völlig verwöhnten, hochnäsigen Lavinia Cunningham.
Wie sie sich demütig durchschlägt und das im Städtchen Rustgate, das vor etlichen Jahren von einer folgenreichen Katastrophe heimgesucht wurde, damit beginnt „Nelly Emberwing“, das jüngste Buch der renommierten österreichischen Jugendbuchautorin Kira Gembri. Und es sei vorweg gesagt: dieser Roman mit dem Untertitel „Die verbotenen Wesen von Rustgate“ ist der sehr verheißungsvolle Auftakt einer Trilogie.
Was diese Stadt einst heimgesucht hat, war ein fürchterliches Erdbeben, bei dem sich ein viele Kilometer langer unendlich tiefer Riss von gut zehn Metern Breite aufgetan hat. Noch schlimmer aber waren die vielen Chimären, die daraus hervorkrochen, seltsame Mischwesen.
Die meisten der ganz großen Chimären hat man vernichten können, viele der kleineren konnten sich jedoch in der Stadt vereiten. Man fürchtet ihre Bisse und Krallenhiebe, die giftig sind. Und es gibt eine Einrichtung, in der etliche von ihnen, darunter auch ausgewachsene sogenannte „Menschenartige als Attraktion untergekommen sind, im „Sternencircus“.
Der aber wird zum Schicksal für Nelly, als sie ihre Herrin als ungeschickte Ersatzzofe zu einer Vorstellung dorthin begleiten muss. Ausgerechnet Nelly meldet sich dort als Freiwillige für einen magischen Auftritt von Grayson Gravespell.
Schon wegen seiner grell leuchtenden Augen unschwer als „Menschenartiger“ zu erkennen, will er Nelly in einem Käfig mit seinen magischen Kräften fortzaubern und – scheitert. Doch danach wagt Nelly auch noch, mit ihm zu reden und wird prompt bei den Cunninghams gefeuert.
Bei Nacht und Nebel geht sie unter Mitnahme von etwas Diebesgut aus den unbeachteten Geschenken, die Lavinia von Verehrern erhalten hat. Und es bleibt für jemanden wie ein 14-jähriges Waisenkind in diesen Zeiten eigentlich nur eine mögliche Zuflucht: beim Sternencircus.
Dass der Direktor sie überhaupt aufnimmt, obwohl der Circus erhebliche wirtschaftliche Probleme hat, verdankt Nelly etwas, von dem sie nie geahnt hatte, einer besonderen Gabe. Die hatte Grayson entdeckt, denn dass sein magisches Kunststück bei ihr schiefgegangen war, liegt daran, dass sie immun gegen Magie ist.
Als „Hüterin der Chimären“ muss sie sich nun besonders um die aggressiven kleinen Beißer kümmern, mit denen der Direktor das Publikum beeindruckt, weil sie nur auf ihn hören. Zugleich hat Nelly jedoch ihre liebe Not mit Desdemona, der feenhaften Artistin, mit der sie ihr Zimmer teilen soll.
Diese Menschenartige giftet sie mit Hass an. Doch ausgerechnet sie sorgt auch für die entscheidende Wende für Nelly und für den gesamten Circus. Ihre Anfeindungen gehen bis zu Handgreiflichkeiten und dabei zerbricht das schwarze Glas-Ei, das Nelly bei den Cunninghams gemopst hat.
Und – das war wirklich ein Ei, ein Chimären-Ei mit einem seltsamen Küken darin. Damit wird diese Mischung aus Fantasy und Steampunk endgültig verrückt und spannenden, denn das kleine Wesen ist halb Fledermaus, halb Chamäleon und das alles mit einem Hauch Drache.
Der Direktor ist begeistert, als das Kerlchen, das „Camou“ genannt wird, gewaltig wächst und sehr gefräßig, aber auch sehr gelehrig ist. Natürlich wird Nelly mit seiner Betreuung beauftragt und bald schon soll Camou in der Manege die herausragende Attraktion sein.
Weil Direktor Obscuro jedoch einen dummen Fehler beim ersten Auftritt macht, gibt es eine ganz böse Überraschung mit Folgen. - Mehr aber soll von der faszinierenden Geschichte mit dem dunklen Charme nicht verraten werden, schließlich dürfen sich die jungen Leser ab etwa zehn Jahre ja auf die Fortsetzung freuen, die bereits im kommenden Herbst erscheinen wird.


# Kira Gembri: Nelly Emberwing – Die verbotenen Wesen von Rustgate; 308 Seiten, ill.; Arena Verlag, Würzburg; € 16

WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)