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MELISSA C. HILL: „EVERMIND. SIE KENNT DICH“
Im Jahr 2044 wurde MAM in Gang gesetzt, die 'Multipurpose Artificial Mind', die sich MAM nennen lässt. Da die Erde zunehmend unbewohnbar geworden ist, leben die Menschen in unterirdischen Städten. MAM umsorgt und betreut das gesamte Leben in der sogenannten City.
Das erfährt man im Prolog zu „Evermind. Sie kennt dich“, dem jüngsten Jugendroman von Melissa C. Hill. Dann springt das Geschehen 213 Jahre weiter und Ich-Erzählerin Livia steht vor ihrem Initiationstag, denn jetzt mit 16 gilt sie als erwachsen und wird als vollwertige Do-it einem Department zugeordnet.
Die allwissende MAM plant mit 99,7 Prozent Treffsicherheit jene Zuteilung, die die Neuen auch selbst gewählt hätten. Schließlich kriegt sie alles mit bis hin zu Blutzuckerwerten und Pulsfrequenz. Nur einer kann sie nicht: die Gedanken der Menschen lesen.
Und so entgeht ihr, dass Livia die Zuteilung in Department N (Nurse = Ambulanz und stationäre Pflege) entsetzlich findet und dass sie ganz und gar nicht ihren Wünschen entspricht. So hat sie beim Eintreffen auf der Station nur einen Gedanken: „Es ist Abneigung auf den ersten Blick.“
Das Leben mit dem sorglosen Vergnügen mit all den Simulationen und Partys, die Rundumversorgung mit allem – so viel Bevormundung lässt sich nur ertragen mit viel Vertrauen und Naivität. Doch dann erlebt Livia nach der Verwunderung über die unmögliche Berufszuteilung genau an ihrem Arbeitsplatz etwas, das sie noch nachdenklicher macht.
Ihre alte vertraute Erzieherin Mathea wird mit einem Schlaganfall eingeliefert, scheint sich jedoch überraschen schnell zu erholen und – ist dann sprulos verschwunden. Doch egal, mit wem Livia Spricht oder sich trifft, wird ihr eines bald bewusst: MAM hat ihre Mikros und Kameras fast überall.
Und sie kann es gar nicht leiden, dass Livia entgegen den Regeln eine Geschichte für Mathea aufschreibt. Künstlerische Texte sindaber  untersagt, weil sie subversiv wirken könnten. Als Livia trotzdem weiterschreibt, ereilt sie eine drastische Maßregelung.
Wegen Gefährdung der Gesellschaft wird sie aus ihrem allgemeinen Level „nach oben“ verbannt, in Level Minus-1, Viel näher unter der Oberfläche, auf der das unbewohnbare New York liegt. Hierher wird ansonsten der „degradierte Abschaum“ abgeschoben, also neben Straffälligen auch die Alten und Schwächlichen.
Bis hierher hat sich dieser Roman eher langsam entfaltet und auch viel von dieser sehr eigenen Welt geschildert. Allmählich aber wird er immer spannender und entwickelt eine ungeheure Sogwirkung. Das liegt vor allem an den Charakteren, mit denen es Livia zu tun hat.
Allen voran der mysteriöse Cassian mit den roten Haaren und dem Eisblick. Sie kommen sich durch einen Zettel näher, den er ihr zusteckt, als sie von den Wächtern in die Verbannung geführt wird. Unter der allgegenwärtigen MAM können sie sich nur mit Rricks und Schauspielerei treffen.
Allerdings weiß Cassius von „Blinds“, wo sie keinen Zugriff hat, weil ein Teil des Rechenzentrums der KI einen blinden Flecken hat. Für die Geheimhaltung ist es jedoch unerlässlich, bestimmte Keywords zu vermeiden.
Livia und Cassian erkennen, sie sie offenbar zu den 0,3 Prozent gehören, die MAM falsch einschätzt. Und sie erfahren über weitere heimliche Freunde von seltsamen Maßnahmen der kalten Muttermaschine. Nachdem Livia mit Schaudern gehört hat, dass es noch weitaus schlimmere Downgrades als Level Minus-1 gibt, folgt schließlich ein Schockerlebnis.
Mit der Top, der alten, noch immer genutzten Bahn aus alten Zeiten gelangt sie an die Oberfläche, oberhalb der City. Und dort leben Menschen in den Ruinen New Yorks! Das und die sich immer mehr zuspitzenden Konflikte mit MAM und ihren treuen Gefolgsleuten treiben das Geschehen zunehmend auf ein dramatisches und absolut filmreifes Finale zu.
Mehr aber sei von dieser hervorragenden, ebenso emotionalen wie tiefgründigen Dystopie nicht verraten. Fazit: ein Jugendthriller der besonderen, lange nachhallenden Art, der nicht nur junge Leser ab etwa 14 Jahren sondern auch Erwachsene begeistern dürfte.


# Melissa C. Hill: Evermind. Sie kennt dich; 448 Seiten, Klappenbroschur; Oetinger Verlag, Hamburg; € 18
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)