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SARAH JÄGER: „DAS FEUER VERGESSEN WIR NICHT“
Nur der Prolog, in dem eine Person in ein brennendes Haus läuft, deutet an, dass der neue, überraschend ruhig erzählte Roman der preisgekrönten Jugendbuchautorin Sarah Jäger später doch noch auf ein packendes Ende zulaufen wird.
„Das Feuer vergessen wir nicht“ lautet der Titel und da begegnet Ich-Erzählerin Ari dem ebenfalls 17-jährigen Flint. Beide kommen regelmäßig ins Pflegeheim, um den meist dementen Bewohnern aus Büchern vorzulesen. Allerdings tun beide das nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit, denn sie brauchen das Honorar.
Ari lebt mit ihrer Mutter und ihrer schwangeren Schwester Hannah in einem Miethaus und das Geld ist stets knapp. Der gute Zusammenhalt im Haus und vor allem die ebenfalls dort wohnenden Zwillinge Mirja und Milan, quasi Dauergäste bei Ari und beste Freunde, machen Ari das Leben durchaus angenehm.
Die Begegnung mit dem wortkargen Flint jedoch löst etwas bei ihr aus und allmählich entwickelt sich mehr daraus. Erst aber erlebt auch Ari bei der alten, dementen Frau Martin etwas Seltsames: sie spricht zwar schon lange kein Wort mehr, reagiert aber mit Faszination, als Flint im Zusammenhang mit einem Roman ein Streichholz anzündet.
Erst später bekommt Ari heraus, dass die alte Dame mit 60 Jahren noch an der Universität studiert hat. In einer Schublade findet sich eine Seminararbeit von ihr über den historischen Streik der Streichholzarbeiterinnen im viktorianischen England.
Über Flint erfährt Ari fast noch weniger, obwohl sie sich langsam näherkommen. Immerhin bekommt sie heraus. Dass er die Lesungen als Sozialstunden für eine Geldstrafe erbringt. Den Grund dafür verschweigt er jedoch lange wie auch sein Hausen in einem alten Wohnwagen.
Das alles wie auch die nicht ganz alltägliche Liebesgeschichte zwischen Ari und Flint wird ruhig und mit warmherziger Sprache erzählt. Manches bleibt lange rätselhaft und über Flint liegt bis zuletzt eine Aura der Verschwiegenheit – was der Geschichte aber durchaus einen sehr eigenen Touch gibt. Die sich schließlich zu einem rasanten Finale aufschwingt, in der alles einen Sinn ergibt.
Als erfahrene Theaterpädagogin in der Jugendarbeit hat Sarah Jäger sehr authentisch erfasst, wie die junge Leute ticken, und so ein ungewöhnliches Lesevergnügen mit Tiefgang für junge Leser ab 14 Jahre geschaffen.


# Sarah Jäger: Das Feuer vergessen wir nicht; 219 Seiten; Rotfuchs bei S. Fischer, Frankfurt; € 19,90


WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)