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CHRISTIAN SCHÜLE: „DIE JAGD NACH DER MUSKATNUSS“
Pfeffer, Gewürznelken und vor allem Muskatnüsse waren im späten Mittelalter in Europa so begehrt, dass sie wertvoller als Gold galten. Den Import aus dem ostindischen Raum teilten sich die Seemächte Spanien und Portugal und das aufstrebende England.Doch auch die Kaufleute aus den noch gar nicht lange unabhängigen Vereinigten Provinzen der Niederlande wollten an dem höchst profitablen Handel teilhaben und entsandten 1595 eine erste kleine Flotte in die Ferne. Die Expedition war zwar nicht wirklich erfolgreich, doch immerhin gelungen. Nach weiteren Versuchen schlossen sich die bisher konkurrierenden Handelshäuser zusammen und gründeten am 20. März 1602 die „Vereinigte Ostindische Companie“. Die faszinierende, fast 200 Jahre währende Geschichte dieser VOC hat nun der Philosoph und Kulturwissenschaftler Christian Schüle zu einem erzählenden Sachbuch zusammengefasst.„Die Jagd nach der Muskatnuss“ lautet der Titel und aufschlussreich ist dann der Untertitel: „aufstieg und Fall der Ostindien-Companie 1602-1798 oder Wie im Goldenen Zeitalter der Kapitalismus begann“. Teils recht persönlich geschrieben, fügt Schüle kluge Abhandlungen über Themen wie Aktien, Gier, Schuld und Moral an. Generell aber beruht dieses Buch auf wissenschaftlich fundierten Recherchen im reichen Quellenmaterial. Zudem sorgen zahlreiche ausgewertete Reiseberichte für ein authentisches Bild der strapaziösen Fahrten und der Bedingungen vor Ort.Alles jedoch geht von jenem Gründungsakt der VOC aus, die sich über die nächsten Jahrzehnte zum größten Wirtschaftsimperium der Welt entwickelt, in dessen Folge auch der Hauptsitz Amsterdam zum ersten Weltfinanzzentrum erblüht. Dieser Erfolg beruht auf mehreren genialen Komponenten. Eine war die Gründung der ersten Aktiengesellschaft, um die benötigten Schiffe bauen zu können. Bis zum Zielpunkt 31. August 1602 brachten über 1.800 Anteilseigner den festen Kapitalstock von 6,424 Millionen Gulden ein.Womit dieses völlig neue Geschäftsmodell auf privaten Investitionen beruhte und künftige Gewinne nicht an einen König sondern an die Aktionäre fließen würden – im Jahr 1700 waren das immerhin sensationelle 25 bis 40 Prozent Dividende. Hinzu kam die „Oktroi“, die staatliche Konzession, mit der die VOC zugleich das Monopol für den Ostindienhandel erhielt, begleitet von Befugnissen wie ein staatlicher Akteur. Zwar war die englische East India Company bereits zwei Jahre zuvor entstanden – erreichte als Handelskonzern jedoch nie die Größe der VOC, dieses niederländische Konstrukt war gleichwohl ohne Vorbild. Geührt wurde die VOC von den „Siebzehn Herren“ und an Bord hatte der Oberkaufmann der Companie das erste Kommando: „Der Kapitän steuert das Schiff aber nicht die Unternehmung.“Die Einvernahme in den Zielgebieten wie dem Molukken-Archipel oder auf Java (eine der Hauptinseln des heutigen Indonesiens) entfaltete sich dabei als brutale Kolonialisierung. Widerstände wie auf den Banda-Inseln, einem der wenigen Gebiete, auf denen der wertvolle Muskatnussbaum wuchs, wurden rabiat gebrochen bis hin zur Ausrottung der indigenen Bevölkerung. Hier war es insbesondere der junge Generalgouverneur Jan Pieterszoon Coen (1587-1619), der mit harter Hand für das Durchsetzen der Geschäftsziele der VOC sorgte. Während er auf Java die Stadt Batavia (heute Jakarta) als Hauptquartier der Companie gründete, prosperierten die Niederlande in der Folge der unablässigen Gewinne aus der neuen Wertschöpfungskette als Auslöser für das „Goldene Zeitalter“.Ähnlich spannend lesen sich dann die Passagen über den schleichenden Niedergang der VOC bis zu deren Liquidierung im Jahr 1798. Waren es zu Beginn des 18. Jahrhunderts vor allem auch Tropenkrankheiten und Epidemien, die massive Probleme hervorriefen, kamen daheim Missmanagement und zunehmend auch Personalmangel hinzu. Die VOC unterhielt din den 196 Jahren rund 4.700 Schiffe, doch deren Unterhalt wie der für die aufwendige Infrastruktur fraßen Gewinne auf. Da wurde die eigene Größe ebenso zur Last wie die wachsende Konkurrenz durch die Engländer.Und es rächte sich ein kapitaler Geburtsfehler der VOC: der Kapitalstock wurde nie erhöht, andererseits erwuchsen die Verlust gegen Ende bis auf das Doppelte der Gewinne. Schließlich brachte der 4. Englisch-Niederländische Krieg (1780-1784) die Companie endgültig in die Bredouille. Mindestens so schlimm jedoch wirkte sich ein Diebstahl aus, als 1770 Muskatnussbäume und Nelkenpflanzen herausgeschmuggelt und erfolgreich auf Mauritius angepflanzt wurden – das VOC-Monopol war gebrochen.Oder wie es Christian Schüle ausdrückt: „Die Jagd nach der Muskatnuss ist zu Ende. Und die Jagd nach Tee und Porzellan beginnt ohne die Niederländer.“ Fazit: Aufstieg und Niedergang einer genialen Geschäftsidee samt rabiater Begleiterscheinungen werden hier fundiert und zugleich geradezu romanhaft mitreißend erzählt.
# Christian Schüle: Die Jagd nach der Muskatnuss. Aufstieg und Fall der Ostindien-Companie 1602-1798 oder Wie im Goldenen Zeitalter der Kapitalismus begann; 399 Seiten; Siedler Verlag, München; € 28WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)