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FRIEDRICHS/BARTH: „DEUTSCHLAND 1946“
Silvester 1945 ist den Menschen nach Wärme und Nahrung und nicht nach Feiern. Das erste Jahr nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs steht bevor mit vagem Hoffen und Bangen: „Ein Land in der Schwebe“.
Dem widmen sich die Erfolgsautoren Hauke Friedrichs und Rüdiger Barth, beide u.a. studierte Historiker, mit einer exzellent aufbereiteten Chronologie unter dem Titel „Deutschland 1946. Das Wunder beginnt“. Monat für Monat beleuchten sie wesentliche Ereignisse, die die Weichen stellen für die Zukunft des in vier Besatzungszonen aufgeteilten Landes.
Doch es geht nicht nur um politische Entscheidungen in diesem am Boden liegenden Deutschland, in dem Millionen Menschen frieren und im Elend leben. Zustände und Stimmungslagen finden ihren Niederschlag und eingebettet verfolgt man auch Schicksale von Einzelpersonen. Wie sie ihr Leben zurückerobern oder die Chancen der sogenannten Stunde Null ergreifen.
Die Autoren verfolgen hier die entsprechenden Aktivitäten solch unterschiedlicher Akteure wie Beate Uhse, Bernhard Grzimek, Fritz Walter, Loriot, Grete Schickedanz oder Erich Kästner, als in Sachen Demokratie engagierter Journalist bei der „Neuen Zeitung“.
Auf der Bühne der Politik agieren derweil solch gewichtige Persönlichkeiten wie Konrad Adenauer und Walter Ulbricht – in den Startlöchern zu höheren Aufgaben – oder Kurt Schumacher, der die SPD als Gegengewicht zu den Konservativen anfeuert und zugleich gegen ein Verschmelzen von SPD und Kommunisten kämpfen muss.
Was er nach der Zwangsvereinigung von KPD und SPD in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) zu Ostern 1946 im Westen verhindern kann. Im streng von den Sowjets regulierten Osten gründen Erich Honecker die FDJ und die dortige DEFA bringt mit „Die Mörder sind unter uns“ den ersten Nachkriegsspielfilm heraus.
Der zugleich die Karriere der eben 20-jährigen Hildegard Knef beflügelt, während die Amerikaner die „Operation Rusty einleiten, die Bildung des späteren Bundesnachrichtendienstes (BND) zum Ausspähen des Ostblocks. Dessen Konturen zeichnen sich ab, die westlichen Geheimdienste vermelden zunehmende Spannungen zwischen den bisherigen Alliierten.
Winston Churchill spricht erstmals öffentlich von einem „Eisernen Vorhang“, andererseits spricht US-Außenminister Byrnes im September in seiner sogenannten „Hoffungsrede“ erstmals von einer Wiederherstellung der Eigenverantwortlichkeit der Deutschen für ihre Belange.
Die aber liegt noch bei den Besatzungsmächten und ist eine gewaltige Last, denn Millionen Wohnungen sind zerstört und die Ernährungslage bleibt kritisch. Im Mai beläuft sich die Zuteilung noch auf ganze 1164 Kalorien täglich. Was in den USA den Anschub für die legendären Care-Pakete wird.
Und während es mit Rudi Schurickes „Capri-Fischern“ tatsächlich einen ersten Sommerhit gibt, lässt die Sowjetunion die ersten deutschen Kriegsgefangenen frei. Derweil planen Briten und Amerikaner, ihre Besatzungszonen zur Bizone zu vereinigen, wogegen die Franzosen in ihrer Zone eher den rigorosen Reparations- und De-Industrialisierungsmaßnahmen zuneigen.
Zu den traurigsten Zahlen des Jahres gehören die vom Bayerischen Roten Kreuz am 17. Mai gemeldeten 15.795 elternlose Kinder, die auf der Flucht „verlorengegangen“ sind. Derweil endet in Nürnberg der große Kriegsverbrecherprozess gegen die Nazi-Elite u.a. mit zwölf Todesurteilen.
Einer der begleitenden Reporter des monatelangen Prozesses ist übrigens Willy Brandt in norwegischen Diensten. Er strebt auch wieder ein Mitwirken in der SPD an, muss sich aber noch gedulden. Zumindest aber gelingt ihm zum Jahresende der folgenreiche Sprung nach Berlin: als Presseattaché der norwegischen Regierung.
Und Briten wie Amerikaner arbeiten an der Wiedergeburt der deutschen Demokratie, Wozu bereits im Herbst 1946 die Bildung der neuen Länder Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein gehört. Und auch erste Kommunalwahlen.
Die gibt es im September 1946 auch im Osten, doch die unter der Fuchtel der Sowjets stehende SED erlebt in der SBZ mit nur fünf von neun Millionen Stimmen eine von Moskau kritisierte Enttäuschung. Im Oktober aber fährt sie im noch ungeteilten Groß-Berlin ein Debakel ein, als sie mit 19,8 Prozent sogar hinter der CDU auf dem dritten Platz landet.
Dieses Jahr zwischen Trümmern und beginnendem Wiederaufbau endet zwar mit Hoffnung, aber auch mit dem kältesten Winter seit Menschengedenken, der Hunderttausende erfrieren oder verhungern lässt. Und es passt irgendwie zu diesem bewegten und immer wieder erstaunlichen Jahr 1946, dass in Köln Josef Kardinal Frings in seinem Silvestergottesdienst von der Kanzel herab das legendäre „Fringsen“ erfindet: er legitimiert den Kohlenklau, die Hamsterfahrten und kleine Diebstähle – die seien aus der blanken Not heraus keine Sünde.
Das alles liest sich fesselnd und offenbart auf angenehm objektive Weise, wie in Ost und West auf sehr unterschiedliche Wegen jenes Wunder entsteht, das uns Deutsche bis heute prägt. Zu den besonderen Qualitäten gehört dabei das hervorragend recherchierte Zeit- und Lokalkolorit.


# Hauke Friedrichs/Rüdiger Barth: Deutschland 1946. Das Wunder beginnt; 336 Seiten, div. Abb.; Heyne Verlag, München; € 24

WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)