0085kuemper

HIRMAN KÜMPER: „MYTHOS 1776“
Wer das politische Handeln der USA in der jüngeren Zeit und gerade auch unter dem aktuellen Präsidenten im 250. Geburtsjahr dieser derzeit innerlich so gespaltenen Nation besser verstehen will, findet in Hiram Kümpers Sachbuch „Mythos 1776“ ein breit angelegtes Feld an Erklärungen.
„Traum und Erwachen der amerikanischen Nation“ lautet der Untertitel und Kümper als Professor für Geschichte des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit an der Universität Mannheim widmet sich mit Fakten und Analysen einem Gründungsmythos, in dem das sogenannte Freiheitsstreben eine zentrale Rolle spielt.
Zugleich stecken schon in der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 wie auch in der Verfassung von 1787 Widersprüche, die bis heute wesentlich für die Entwicklung bis zur Späteren Weltmacht und dem Ist-Zustand als zutiefst gespaltene Nation virulent sind.
Der Mythos vom „Land of the Brave“, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, dem Land, das Nazi-Deutschland die Freiheit und die Demokratie brachte – all das steckt noch heute in den meisten Köpfen diesseits des Atlantiks und diese Idealvorstellungen wurden ja auch in den USA von Autoren, Filmemachern und natürlich auch seitens der Politik immer wieder manifestiert.
Kümper kratzt schon in den einleitenden drei Kurzabhandlungen an diesem Hochglanzbild, allen voran mit einem kurzen aber prägnanten Blick auf die „Little Rock 9“. Das waren schwarze Schüler, die 1957 von ihrem erst vor kurzem eingeräumten Recht Gebrauch machen wollten, in der Stadt im südlichen US-Staat Arkansas das College zu besuchen.
Es bedurfte schließlich Soldaten der 101. Airborne Division, um diese Schüler vor dem hasserfüllten weißen Mob zu schützen, damit sie ihr Recht wahrnehmen konnten. „Die Befreier Europas müssen nun amerikanische Kinder vor anderen Amerikanern schützen“, lautet der bittere Kommentar zu diesem Sinnbild des Rassismus.
Das zweite Stück Einleitung beschreibt, wie 1981 die „Reaganomics“ des Neoliberalismus das ohnehin nicht sehr ausgeprägte Maß an Sozialstaat zugunsten ungezügelter kapitalistischer Blüte an den Rand drängt. Und als Drittes wird auf Trumps Migrationspolitik verwiesen, die als „Make America great again“ in eklatantem Kontrast zu jenem Gruß steht, den die allseits verehrte Statue of Liberty seit 1886 ankommenden Einwanderern entbietet: „Give me your tired, your poor“.
Und der Historiker beleuchtet die Herkunft der Widersprüche und beginnt bei der Unabhängigkeitserklärung von 1776 mit ihren Garantien für alle Bürger – von denen per Verfassung Frauen, Afroamerikaner, Indigene und Besitzlose jedoch ausgenommen waren.
Bis heute ist die Frage offen, wer denn wirklich „We the People“ sind, denen gleiche Rechte und das Streben nach Wohlergehen uneingeschränkt zustehen sollen. Da schrieb einst Gründungsvater Thomas Jefferson in die Urkunde, „all men are created equal“ und hielt selbst über 600 Sklaven.
Der Widerspruch im „American Creed“ mit seiner zweifelhaften Moral begründet sich im wesentlich gerade auch auf jenen frühen Neubürgern der „Mayflower“-Arä Anfang des 17. Jahrhunderts, die stark religiös geprägt waren. Woraus sich die Thesen der weißen Dominanzgesellschaft als bis heute propagierten und immer wieder durchgedrückten „white supremacy“ speisen.
Zu der schon mit den ersten afrikanischen Sklaven hinzukam, dass diese recht bald zu einem ganz maßgeblichen Faktor für den wirtschaftlichen Aufschwung der Kolonialherren wurden – aber eben nur als Arbeitskräfte ohne jegliche Rechte.
Anders aber nicht erfreulicher verhielt es sich mit nur anfangs angedachten Integration der indigenen Völker. Die hätte in Form von Unterdrückung und Anpassung geschehen sollen. Spätestens jedoch unter Präsident Andrew Jackson und seit den Siegen über aufbegehrende Indianerstämme von 1814/15 wurden die Ureinwohner nur noch als Hindernisse der eigenen Expansion verjagt oder zwangsweise in Reservate umgesiedelt.
Die religiös untermauerte Behauptung des Auserwähltseins führte zu einer bis ins geopolitische Handeln hin zu dominanter Überheblichkeit, noch genährt durch die erfolgreichen Frontier- und Cowboy-Mythen vor allem des 19. Jahrhunderts. Moral und Ideale sind da in der Regel von Bedeutung, sofern sie sich als nützlich erweisen und dem „Pursuit of Happiness“ - auch der Nation – nicht hinderlich werden.
Hiram Kümper macht verständlich, wie sich der Kern des US-Selbstverständnisses gebildet und bis heute in all seiner kraftspendenden Disharmonie fortentwickelt hat. Was sogar erklärlich macht, wieso ein Präsident Donald Trump durchaus kein krasser Betriebsunfall der US-Geschichte sondern eher eine logische Variante des US-amerikanischen Staatsgedankens ist.
Der Mythos von 1776, er gehört zur politischen DNA und Kultur der USA. Das erläutert dieses wissenschaftlich anspruchsvolle Sachbuch auf exzellente Weise. Fazit: das Non-plus-ultra an Aufklärung zu diesem Thema und mit allen Qualitäten eines Standardwerkes.


# Hiram Kümper: Mythos 1776. Traum und Erwachen der amerikanischen Nation; 480 Seiten; Propyläen Verlag, Berlin; € 26

WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)