0084pearsall

SARAH M. S. PEARSALL: „FREIHEIT“
Mit dem sogenannten Exzeptionalismus pflegen die US-Amerikaner den Mythos der Einzigartigkeit; sie waren diejenigen, die sich in der amerikanischen Revolution 1776 gegen die britischen Herrscher aufgelehnt haben. Die 13 Neuenglandstaaten erkämpften sich die Unabhängigkeit und in deren Erklärung spielt das Wort „Freiheit“ eine zentrale Rolle.Die amerikanische Historikerin Sarah M . S. Pearsall aber stellt diese Einzigartigkeit ausgerechnet jetzt zum 250-jährigen Jubiläum diese epochale Heldensage in ein abweichendes und sehr differenzierteres Licht. Unter dem Titel „Freiheit. Eine neue Geschichte der amerikanischen Revolution“ legt die Professorin an der Johns Hopkins University in Maryland dazu spannende Einsichten vor.Die beruhen auf einer recht unamerikanischen Sichtweise, nämlich der Perspektive von Ereignissen in der Welt und wie sie das Schicksal der neu entstehenden USA maßgeblich mit beeinflussten. Die 13 Staaten, die sich hier den Weg zur Nation, unabhängig vom British Empire, erstritten, machten nicht einmal die Hälfte des britischen Kolonialreiches aus. Doch überall brodelte es gegen die fernen Machthaber bis hin zu Aufstände und kriegerischen Ereignissen in West-Afrika, China, Europa, der Karibik und eben in Nord-Amerika. Da kam revolutionärer Geist z.B. auch aus Indien, der Auswirkungen hatte bis hin zur legendären „Boston Tea Party“.Die Historikerin beleuchtet gerade auch die Erhebungen von Sklaven und indigenen Völkern gegen die Kolonialherren. Wobei insbesondere für die amerikanische Revolution die Nationen der Irokesen – ursprünglich als Konföderation der Haudenosaunee bekannt – von großer Bedeutung waren. Deren eigene freiheitliche Verfassung mit Grundzügen einer demokratischen Ordnung wurden zur Inspiration für die spätere Verfassung der USA. Gegen die Einzigartigkeit beim Erkämpfen der eigenen unabhängigen Nation durch die US-Gründerstaaten spricht im Übrigen, in welchem Maße fremde Mächte – und Gegner des Empire – wie Frankreich, Spanien und die Niederlande sich beteiligten. Global betrachtet kann man sogar von einer Art Weltkrieg sprechen.Andererseits hatte die Freiheit, die die Gründerväter der USA als zentralen Grundsatz in ihre Unabhängigkeitserklärung stellten, von Beginn an einen zynischen Beigeschmack. Diejenigen, die sie propagierten, waren nicht nur selbst Sklavenhalter, sie deuteten den Begriff „Freiheit“ auch ganz wesentlich und folgenreich um in die „Freiheit zu herrschen“.Was auch die Freiheit einschloss, Afrikaner und indigene Völker zu versklaven, zu entwurzeln und ggf. auch zu töten. Zudem wurde die in der Verfassung garantierte Freiheit auch den amerikanischen Frauen vorenthalten - anders übrigens als bei den Irokesen, in deren Gesellschaft Frauen eine quasi ebenbürtige Stellung innehatten. Die Amerikanerinnen erhielten das allgemeine Wahlrecht dagegen erst 1920.Das alles liest sich erstaunlich vielschichtig und spannend und eröffnet Sichtweisen, die über den vielbeschworenen Exzeptionalismus der Entstehung der nun 250 Jahre alten Nation weit hinausgehen. Fazit: der Untertitel erhält seine volle Berechtigung und dieses Sachbuch damit den Charakter eines unverzichtbaren Standardwerks zur Geschichte der USA.

# Sarah M. S. Pearsall: Freiheit. Eine neue Geschichte der amerikanischen Revolution (aus dem Amerikanischen von Andreas Wirthensohn); 494 Seiten, div. SW-Abb.; Rowohlt Verlag, Berlin; € 34WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)